Archiv für den Monat November 2003

„Die Gesellschaft findet sich plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt“

Zur Reichspogromnacht 1938

Flugblatt, November 2003

In den Jahren 1939 bis 1945 wurden vom ehemaligen Aspang-Bahnhof in Wien-Landstraße zehntausende Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager der Nazifaschisten verschleppt. Immer wieder wurden in diesen Jahren Gruppen von Menschen, die von den damals Herrschenden als „Juden“ definiert wurden, durch den 3. Bezirk zum Bahnhof getrieben und auf Lastwagen hingekarrt. Große Teile der Wiener Bevölkerung verhielten sich diesem industriellen Massenmord gegenüber uninteressiert oder befürworteten ihn gar.

Judenfeindlichkeit und antijüdische Hetze haben in Österreich eine tief in den Köpfen verwurzelte und lange Tradition. Auch nach der Ermordung von sechs Millionen Menschen, die von pseudowissenschaftlichen Rassentheoretikern als Jüd/innen ausgesondert wurden, sind die Ursachen für diesen von oben gesteuerten Rassenwahn nicht beseitigt. Antijüdische Vorurteile bleiben bis heute bestehen und werden gefördert. Sie sind ein Instrument, verschiedene Teile der Arbeiter/innenklasse und des Volkes gegeneinander aufzuhetzen. Einzelne Bevölkerungsgruppen sollen für Missstände herhalten, um von den wirklichen Verantwortlichen abzulenken – der Kapitalistenklasse und ihrem Staat. Das Ganze hat nur den Zweck, uns vom wirklichen Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung abzuhalten. Weil die Judenfeindlichkeit in so vielen Köpfen verankert ist, greift diese Taktik in Österreich relativ leicht.
Gleichzeitig schauen die Herrschenden darauf, dass ihr halbseidener demokratischer Mantel nicht zu arg verrutscht. Auch die zweite Republik Österreich hat den Jüd/innen, die den Massenmord überlebt haben, übel mitgespielt. ÖVP und SPÖ haben sich nach 1945 darüber geeinigt, die „Sache“ mit der Entschädigung „in die Länge zu ziehen“, wie es in einem Ministerratsprotokoll aus den Anfängen der zweiten Republik heißt. Erst 40 Jahre nach dem Ende des Mordens hat sich wegen internationalem Druck ein Bundeskanzler genötigt gesehen, die Beteiligung Österreichs an den epochalen Verbrechen des NS-Staates teilweise einzugestehen. Doch schon wenige Jahre später wurde die Mitverantwortung wieder öffentlich relativiert und der Massenmord an Jüd/innen durch Vergleiche mit Sudetendeutschen verharmlost.
Nach wie vor können antijüdische Hetzer ihre Propaganda betreiben und bleiben ungeschoren. Friedhofsschänder haben mit nur geringen Strafen zu rechnen, verbale und körperliche Attacken gegen gläubige Jüd/innen werden toleriert.

Während die ÖVP die ideologische Heimstätte einer traditionellen christlichen Judenfeindlichkeit ist, erzeugen führende Figuren der zweiten Regierungspartei FPÖ regelmäßig Aufmerksamkeit, indem sie die
NS-Verbrechen bagatellisieren.<br>Immer wieder werden von verschiedenen Politikern und Medien die Verbrechen des israelischen Siedlerstaates am palästinensischen Volk demagogisch zur Hetze gegen das „Judentum“ verwendet. Dabei wird u.a. bewusst ausgeblendet, dass über 80% aller Jüd/innen weltweit nicht in Palästina, sondern in Europa und Nord- und Südamerika leben und keine israelischen Staatsbürger sind.
Dieselbe falsche Gleichsetzung zwischen Jüd/innen und Zionismus betreiben sogenannte „linke“ Gruppierungen, die die notwendige und gerechte Solidarität mit dem palästinensischen Befreiungskampf als „Antisemitismus“ diffamieren.

Der Kampf gegen Judenfeindlichkeit und antijüdische Hetze ist eine eigenständige Aufgabe für alle demokratischen und revolutionären Kräfte in Österreich, sowohl theoretisch wie auch praktisch. Wo Unterdrückung und Ausbeutung herrschen, wo rassistische und judenfeindliche Hetze betrieben
werden, müssen wir dagegen kämpfen und den Kampf unterstützen. Der Kampf für den Fortschritt, für eine sozialistische Gesellschaftsordnung schließt auch unbedingt den Kampf gegen alle rückwärtsgewandten und reaktionären Strömungen ein. Sonst findet sich die Gesellschaft „plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt“, wie schon die Begründer des wissenschaftlichen
Kommunismus, Marx und Engels im Manifest der Kommunistischen Partei feststellten.

Gegen Judenfeindlichkeit und Rassismus!
Gegen Frauenunterdrückung!
Gegen Kapitalismus und Imperialismus – für den Kommunismus!

Wir unterstützen den Aufruf der Kundgebungsplattform
(von der wir heuer ohne Begründung ausgegrenzt wurden):

Mahnwache und Kundgebung: So 9. Nov. 2003, 15 Uhr
Gedenkstein vorm ehem. Aspangbahnhof (1030 Wien, Platz der Opfer der Deportation)

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