Archive for Januar 2004

„Familienidylle“wird zur privaten Hölle

16. Januar 2004

Gewalt gegen Frauen und Kinder – die Familie zerfällt…

Flugblatt, Jänner 2004

Immer wieder schockieren uns die Massenmedien mit Berichten über brutale Misshandlung von Kindern in ihren Familien. Das passiert in allen Klassen und Schichten der österreichischen Gesellschaft, auch wenn die bürgerlichen Massenmedien es so darstellen und rassistisch verdrehen, als gäbe es Gewalt nur in proletarischen Familien und vor allem bei Immigrant/innen. Jährlich werden hunderte Eltern wegen körperlicher Gewalt gegen ihre Kinder angeklagt (nach bürgerlichen Statistiken im vorletzten Jahr gegen Kinder unter 6 Jahren: 2 Morde, 94 Körperverletzungen und 31 Quälen oder Vernachlässigen eines Unmündigen; insgesamt 1417 Delikte „gegen Leib und Leben“ von Kindern unter 14 Jahren). Die Dunkelziffer bei Straftaten ohne sichtbare schwere Folgen ist noch viel höher. Was sind die Ursachen?

In den letzten Jahrzehnten wurden zwar die Rechte der Kin­der (Züchtigungsverbot,…) und der Frauen (Fa­mi­li­en­rechtsreform, Fristenlösung,…) in der Fa­mi­lie ver­­bes­sert, doch gleichzeitig zer­setzt sich die Fa­milie immer wei­ter. Diese Form der Ge­mein­schaft hat keine Zu­kunft. Ursprünglich war die pa­tri­archale Familie die Grund­lage für die Sicherung des Reichtums und der Nach­kommenschaft der Män­ner der besitzenden Klas­sen. Seit der bür­ger­li­chen Revolution wird diese Fami­li­en­“ord­nung“ auch für die Arbeiter/innenklasse als „ide­a­le Lebens­form“ propagiert. Doch die wirklichen kapita­lis­ti­schen Ausbeutungsverhältnisse nagen an der Fa­mi­lie als Grundeinheit für die Sicherung und Wie­der­her­stel­lung der bürgerlichen Gesellschaft. So un­tergräbt die Bour­geoisie einerseits immer stärker die Reproduktion der­jenigen Klasse, von deren Ar­beit sie lebt. An­de­rer­seits gibt es immer neue Pro­jek­te für ein „gelun­ge­nes Mit­einander der Generatio­nen“, für eine „neue Part­ner­schaft“, für die „Förde­rung von Kindern und Fa­mi­lien“ usw., um diesen Prozess zu ver­langsamen. Wie groß das Interesse der Ka­pi­ta­lis­ten­klas­se an der Fa­milie als Ort der Si­­che­rung der Arbeitskräfte ist, zeigt sich an den stän­di­gen Versuchen, die Fortsetzung der bürgerlichen Fa­mi­li­en­“ord­nung“ auf dem Rücken der Frauen zu ret­ten und zu stabilisieren.

Aus Pro­fit­gründen ist die herrschende Kapi­ta­lis­ten­klas­­se aber nicht bereit, die vor Jahrzehnten klein­wei­se be­gon­­ne­ne Verge­sellschaftung der Haus­ar­beit fort­zu­füh­ren, die seit über 150 Jahren von der Ar­­bei­te­r/in­nen­­be­we­gung gefordert wird und die eine Grund­lage für neue For­men der Partnerschaft sein könn­te. Im Gegenteil: Im­mer weniger Steuergeld ist für Kran­­ken-, Be­hin­der­ten- und Altenbetreuung da, für Schu­len, Kinderbe­treu­ung, subventionierte Groß­­kü­chen usw. Alles wird wie­der den Frauen auf­ge­­halst, und zwar zusätzlich zu ihrer in­zwischen selbst­verständlich gewordenen Lohnarbeit. Statt Kin­dergärten, Krip­pen, Nach­mittagsbetreuung in der Schule usw. gibt’s … Teil­zeitarbeit für die Frau­­en. Statt öffent­lichen Res­taurants und Kan­tinen gibt’s … Heim­ar­beits­plätze für die Frauen usw. So gut es ist, dass immer mehr Frauen eige­nes Geld ver­dienen, so schlecht ist es, dass die Haus­arbeit zwar indivi­du­ell er­leich­tert wur­de (Staub­sauger, Mikro­­wel­le,…) aber nur in sehr ge­­ringem Ausmaß von öffent­lichen Diensten oder be­­trieb­lichen Sozial­ein­­rich­tungen (Betriebs­kinder­gär­ten,…) über­nom­men wurde. Kein Wunder, dass trotz groß be­ju­bel­tem Kindergeld die Geburtenrate auch im ver­gan­ge­nen Jahr weiter gesunken ist!

Auch wenn die Idee einer netten bürgerlichen Fa­mi­­lie (mit trautem Heim, lieben Kindern usw.) im­mer noch in vie­len Köpfen herumspukt und von den Mas­sen­me­di­en, vor allem in TV-Serien, als wün­­schenswertes Ideal pro­pagiert wird, leben heu­te vor allem in den Städten die meisten Men­schen nicht mehr in traditionellen Fa­mi­li­en­struk­tu­ren. Aus der lebenslangen Ehe („bis der Tod euch schei­det“) wur­den zeitweilige Partnerschaften, oft Sing­le-Haus­halte. Ein großer Teil der Kinder wächst nicht bei ihren leiblichen Vätern auf, die Zahl der Allein­er­­zieher/innen hat in den letzten Jah­ren rapid zu­ge­nom­men. Alles das sind un­auf­halt­same gesell­schaft­liche Ent­wicklungen im Ka­pi­ta­lis­mus – und wir trauern der al­ten patriarchalen Fa­milie mit dem Mann als un­um­schränk­tem Fa­mi­li­en­oberhaupt und Al­leinherrscher in­ner­halb der 4 Wän­de keineswegs nach!

Durch die zunehmende Vereinzelung wird das Le­­ben in der ka­pi­ta­lis­tischen Gesellschaft immer un­er­träg­li­cher, aber es gibt kei­ne Grundlage für wirklich al­ter­native Le­­bens­­­for­men. Erst in einer Gesellschaft oh­ne Aus­beu­tung kann es Beziehungen ohne Abhän­gig­kei­ten ge­ben.

Aber wir kämpfen nicht nur für eine bessere Ge­sell­schaft, sondern schon heute gegen das Elend in den ka­put­ten Kleinfamilien. Wir können nicht ak­zep­tieren, dass ein Arbeiter aus Wut über die tat­säch­lich oft un­er­träg­lichen Zu­stän­de seine Frau oder Kin­der schlägt oder sie psy­chisch oder sexuell ter­ro­ri­siert! Auch gegen das Zurück­drän­gen der Frauen an Heim und Herd müs­sen wir Widerstand leisten. Durch die Or­ga­ni­sie­rung in gewerk­schaft­li­chen und re­vo­lu­tio­nä­­ren Be­we­gun­gen kann die be­rech­tig­te Wut über die herr­­schen­den Verhältnisse in pro­duk­ti­ve ver­än­dern­de Kraft um­ge­setzt werden.

  • Nein zur bürgerlichen Familienpropaganda!

  • Ver­ge­sel­l­schaf­tung aller Bereiche der Hausarbeit durch öf­fent­liche Dienst­leis­tungen!

  • Schluss mit der Förderung der bürgerlich-kapita­lis­ti­schen Fa­mi­lienstruktur!

  • Für soziale Beziehungen jen­seits von Ab­hän­gig­kei­ten – für ein selbst­be­stimm­­tes Leben in einer klas­sen­losen Gesell­schaft!

  • Nieder mit dem Kapital – für die sozialistische Revolution!

Krise der klein-bürgerlichen Familienform im Proletariat

Mit dem Übergang des Kapitalismus in sein monopol­ka­pi­talistisch-imperialistisches Stadium wurde die Klein­fa­mi­lie auch im Proletariat zu einer relativ stabilen Form des Zusammenlebens. Zwar gab es – anders als beim Bür­gertum und Kleinbürgertum – keine unmittelbare öko­no­mische Notwendigkeit, weil es keinen Besitz zu si­chern und zu vererben gab. Aber die Bourgeoisie setzte z.B. nach dem 1. und 2. imperialistischen Weltkrieg alles da­ran, die Frauen wieder aus der Produktion weg­zu­be­kom­men und politisch-ideologisch den Mann (wieder) zum formalen „Alleinverdiener“ und rechtlichen „Ober­haupt“ auch der proletarischen Familie zu machen. Bis En­de der 1950er Jahre war dieser Prozess der Stabili­sie­rung der patriarchalen Kleinfamilie im Proletariat weit­ge­hend ab­­geschlossen. Doch in den 1960er Jahren kam es in ganz Westeuropa zu großen wirtschaftlichen und ge­sell­­schaft­­lichen Umbrüchen.

So gab es ab 1970 auch in Österreich einen „Moder­ni­sie­rungs­schub“ auf zwei Ebenen. Einerseits eine sprung­haf­te Modernisierung der Produktion durch Ratio­na­lisierung und weitere Konzentration des Kapitals. An­de­rerseits ei­ne Welle von Reformen im Familienrecht, die vor allem die Stellung der Frauen und Kinder deut­lich ver­bes­ser­ten.

Gleichzeitig begann am Arbeitsmarkt eine zunehmende Ver­nichtung von traditionellen Industriearbeitsplätzen und eine rasche Ausdehnung von sogenannten „Dienst­leis­tungs“-Arbeitsplätzen, die zwar volkswirtschaftlich zur Pro­duktion gehören, von den bürgerlichen Sta­tis­ti­ken (und vielen Beschäftigten selbst) aber als nicht zur Pro­duk­tion gehörende Tätigkeiten verstanden werden. Auf ei­nen großen Teil dieser neuen Arbeitsplätze in Bü­ro, Han­del usw. kamen Frauen. Dementsprechend stieg die Zahl der erwerbstätigen Frauen in den 1970er und 80er Jah­ren drastisch an (z.B. bei den 25-30jährigen von 56% auf 66%, bei den 35-40jährigen von 50% auf 63%, wäh­rend sie bei den Männern leicht zurückging – von 94% auf 89% wegen Weiterbildung usw.).

Immer mehr dieser Arbeitsplätze betrafen Teilzeit-Arbeit mit extremer Flexibilisierung, niedrigen Löhnen usw. (20,3% der Frauen sind teilzeitbeschäftigt, aber nur 1,6% der Männer). Die Frauen wurden dabei als Vorreiterinnen bei der immer weiteren Durch­lö­cherung von Arbeits­schutz­gesetzen eingesetzt (heu­te ma­chen die „aty­pi­schen“ Arbeitsverhältnisse schon über 10% aus – 60% der Betroffenen sind Frau­en). Der „Nor­mal­ar­beits­tag“ wur­de immer weniger nor­mal (ca. 75% der Be­schäf­tig­ten ar­beiten zumindest ge­le­gentlich au­ßer­halb der Nor­mal­ar­beits­zeit!) .

Die heutige staatliche Frauen- und Familienpolitik ver­kün­det Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Fa­mi­lie, und tatsächlich wurden schrittweise Maß­nahmen zur Entlastung der Frauen als wichtigstem Re­pro­duk­ti­ons­faktor in der bürgerlichen Gesellschaft un­ter­nommen: Die Versorgung mit Kinderkrippen, Kin­der­gär­ten, Horte, Al­ten­heime, Krankenanstalten usw. wur­den ausgebaut, die Zahl der Sozialberatungsstellen, So­zi­al­arbeiter/innen, psy­chologischen Beratungsstellen usw. boomte.

Da­mit wurde aber der private Charakter der Haus­halts­füh­rung, der Kindererziehung, der psychologischen Be­treu­ung usw. nicht grundsätzlich angetastet. Es handelte sich immer nur um „ergänzende Maßnahmen“, um die Frau­en zu entlasten und dauerhaft in die Produktion ein­zu­beziehen. Die technische Revolution im Haushalt und die be­schleu­nig­te Ausstattung mit immer neuen Haus­halts­ge­rä­ten führ­te zu einer erhöhten Arbeitsproduktivität, be­wirk­te aber gleichzeitig eine Verteuerung der all­ge­mei­nen Le­bens­haltungskosten der Arbeiter/innenfamilie. Heute ist – an­ders als vor einem halben Jahrhundert – die Er­werbs­tä­tig­keit der Frauen für die Produktion und Repro­duk­tion der Ware Arbeitskraft unerlässlich. Seit den 1980er Jah­ren ist für die Arbeiter/innenklasse die Lohn­ar­beit von 2 Per­sonen notwendig, um einen 4-Per­so­nen­haus­halt (d.h. Paar mit 2 Kindern) führen zu kön­nen.

Der ökonomische Zwang zur Lohnarbeit traf zusammen mit dem Wunsch der Frauen nach eigenem Einkommen, selbst­ständiger Existenzsicherung, verändertem Selbst­be­wusstsein (auch im Zusammenhang mit Forderung nach selbstbestimmter Sexualität, durch neue Ver­hü­tungs­methoden und Einschränkung des Abtrei­bungs­ver­bots). Das Bildungsniveau von Frauen ist seit den 1970er Jah­ren gestiegen, aber die Löhne und Gehälter blie­ben deut­lich hinter dieser Entwicklung zurück.

Heu­te führen Spar­programme mit Kürzungen bei den So­zial- und Bil­dungs­ausgaben zu einer Rückverlagerung der zeit­weise vom bürgerlichen Staat übernommenen Funk­ti­o­nen wieder an die Familien, die aber so nicht mehr exis­tie­ren… Ausbildung, Krankenpflege, Kinder-, Be­hin­der­ten- und Altenbetreuung – wer soll das in der „Fa­mi­lie“ ma­chen?? ( Selbst bürgerliche Statistiken ge­ben an, dass z.B. etwa 100.000 Kinder­betreu­ungs­ein­rich­tun­gen feh­len.) Soweit die Partner/innen noch zu­sam­men woh­nen, ar­beiten sie zu verschiedenen Zeiten an ver­schie­de­nen Orten, werden ständig versetzt, müs­sen auf Ab­ruf für die Firma bereit sein – so nehmen die kör­per­li­che und psychische Überlastung und die Sucht­er­kran­kun­gen (Al­kohol, Medikamente, …) immer mehr zu. Stress wird zum Dauerzustand nicht nur in der Arbeit son­dern auch in den „Familienresten“ (Allein­er­zie­he­r/in­nen, die noch da­zu ihre alten Eltern betreuen, dem Kind Nach­hilfe ge­ben sollen usw.) Gleichzeitig redet das Ka­pi­tal wieder von verstärkter „Eigenverantwortlichkeit des Ein­zelnen“ (d.h. der Familien und damit vor allem der Frau­en als Re­pro­duk­tions­zentrale), obwohl gerade Ös­ter­reich bei Kin­der­be­treuungsplätzen für Kinder bis 3 Jah­ren und über 6 Jah­ren EU-weit ziemlich am untersten Le­vel liegt (3% bzw. 6% – in Belgien oder Dänemark 30% bzw. 48%) .

In der sinkenden Kinderzahl, der steigenden Rate von Ehe-Auflösungen und der Tendenz zur Familienlosigkeit zeigt sich die zunehmende Unfähigkeit des ka­pi­ta­lis­ti­schen Systems, seine Reproduktion zu gewährleisten. Die­se Krise der klein-bürgerlichen Familienordnung ist Aus­druck der Rebellion der Produktivkräfte gegen die Pro­duktionsverhältnisse, die zu einer Fessel für den Fort­schritt geworden sind.

Die vollständige Vergesellschaftung der Hausarbeit, ins­be­sondere der Kinderbetreuung und Kindererziehung, stellt einen gewaltigen, befreienden Fortschritt dar. Dies ist aber nur möglich durch die Überwindung der be­ste­hen­den kapitalistischen Gesellschaftsordnung in einer pro­letarischen Revolution.


Wir verbreiten unsere Flugblätter seit 1995 v.a. unter Arbeiter/innen der Groß­in­dustrie; seit 2001 geben wir die „Proletarische Rundschau“ heraus. Unser Ziel ist eine Ge­sell­schafts­ordnung ohne Klassen, ohne Unter­drü­ckung und Aus­beutung. Dazu muss die Klas­se der Arbeiterinnen und Arbei­ter eine eigene Kampf­partei aufbauen, die Macht erobern, die Be­sitzer der Produktionsmittel ent­eignen und den Klassenkampf fort­setzen, bis alle Res­te der bürgerlichen Ord­nung verschwunden sind. Deswegen sind wir Kommu­nist/in­nen und nicht in der KPÖ organisiert.

Streik ist aufwändig …aber er wirkt wenn wir erst richtig loslegen!

4. Januar 2004

Im November 2003 haben die Kolleg/innen von der ÖBB drei Tage lang mit dem größten Arbeitskampf der letzten 53 Jahre gezeigt, dass sie mit den Plänen der österreichischen Bundesregierung zur Zerschlagung des Unternehmens nicht einverstanden sind. Wenn wir einen Blick auf die Geschichte der österreichischen Arbeiter/– innenbewegung der Zweiten Republik werfen, so müssen wir feststellen, dass dieser Schritt ungewöhnlich war. Seit dem großen Streik vom Oktober 1950 sind nämlich nahezu alle Versuche der Arbeiter/innen und Angestellten, ihre arbeitsrechtlichen und materiellen Ansprüche mittels Arbeitsniederlegung durchzusetzen, gescheitert. Entweder sie traten nicht geschlossen genug auf – die Gewerkschaft hat die Streikbereiten wie ein Wolf im Schafspelz mit Kreidestimme beschwichtigt –, oder die jeweiligen Regierungen haben kleinste Zugeständnisse gemacht, um den „sozialen Frieden“ nicht zu gefährden und den Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital, der keinem/keiner klassenbewussten Arbeiter/in verborgen bleiben kann, in künstlichem Tiefschlaf zu halten. Insofern war der Streik der Eisenbahner ein großer Erfolg: Sie schlossen die Fahrkartenschalter, ließen die Züge stillstehen und sagten, es reicht, so kanns nicht weitergehen: Wir wollen weder, dass die ÖBB zerschlagen wird und profitorientierte Aktiengesellschaften den öffentlichen Verkehr ins Chaos stürzen, noch lassen wir uns unser Dienstrecht von einer profilierungswütigen Regierungsriege beschneiden. Wir arbeiten und wir wollen mitreden, wie unsere Zukunft, unsere Arbeitssituation aussehen soll. Richtig so!

Doch die Gewerkschaftsspitze, sozialpartnererfahren und auf dem linken Auge blind, erklärte den Streik nach drei Tagen für beendet. Die wesentlichen Streikziele seien mit der Abwehr des gesetzlichen Eingriffs in das Dienstrecht der ÖBBler erreicht, die geplante Privatisierung der ÖBB konnte zwar nicht verhindert werden, die Gewerkschaft werde die weitere Entwicklung, sprich die Zerschlagung des Unternehmens, kritisch beobachten und nötigenfalls mit weiteren Streiks zu verhindern suchen. <br> <br> Die Strategie der Bundesregierung scheint aufgegangen: Wir lassen den ÖGB-Löwen kurz aufbrüllen, er sitzt ohnehin im gesicherten Sozialpartnerschaftskäfig, und er wird in den zugestandenen Verhandlungen zum Dienstrecht auch nur kurz seine Krallen zeigen. Eventuelle weitere Streiks weiß die Regierung mit Hilfe der Medien zu diskreditieren und die „Gefahr“, dass sich andere Teilgewerkschaften mit den ÖBBlern kämpferisch solidarisieren, ist, wie wir gesehen haben, gering. (Bis auf den Eintagesstreik der Postbusse gab es nur verbale Solidaritätsbekundungen.) In der Zwischenzeit, so die Regierung, kann die Aufteilung der ÖBB in Ruhe vonstatten gehen. Kommt Zeit, kommt Kompromiss.

Wir Werktätigen müssen uns in aller Klarheit vor Augen führen, was die Aufteilung der ÖBB als Teil der großangelegten Privatisierungskampagne der Regierung für den Kampf der Arbeiter/innenklasse bedeutet. Grundsätzlich stellen wir fest, dass der Widerspruch von Kapital und Arbeit, also die gegensätzlichen Interessen von Arbeiter/- innen und Kapitalisten, auch in verstaatlichten Betrieben nicht aufgehoben sind. Ausbeutung bleibt auch Ausbeutung, wenn sie unter dem Deckmantel des staatlichen Besitzes an Produktionsmitteln vonstatten geht, solange private, kapitalistische Interessen den Rahmen stecken. Die Verstaatlichung der großen Industriebetriebe nach 1945 hatte unter anderem den Zweck, den österreichischen Kapitalismus, dem durch die Niederlage des Faschismus die imperialistische Spitze abgebrochen war, wieder international konkurrenzfähig zu machen, dem nationalen Kapital auf die Sprünge zu helfen, in abhängigen, vom Imperialismus heruntergewirtschafteten Staaten geschäftlich mitmischen zu können, und in Österreich selbst die klassenmäßige Friedhofsruhe zu bewahren. Das Wiedererstarken des österreichischen Kapitals als europäischer, NATO-orientierter „Verbundpartner“ gegenüber der „Dritten Welt“ und als ausscherender, sogenannter freier und neutraler „Kriegsgewinnler“ im Ost-West-Konflikt warf auch den Arbeiter/innen ein paar Krümel ab, brachte auch dem Proletariat einen gewissen Wohlstand und drosselte die Arbeitslosigkeit auf Minimalniveau.

Der Staat kommt mit der Zerschlagung der Verstaatlichten dem Wunsch der Kapitalisten nach schnellen Profiten entgegen. Die relativ gesicherten Arbeitsplätze, sind auch für die Kapitalistenklasse von relativem Interesse, da „zufriedene“ Arbeiter/innen dem Erhalt eines hohen Profits förderlich sind. Dieses relative Interesse wird aber durch ein niedrigeres Lohnniveau verhältnismäßig abgeschwächt. Jedoch aus politischen Erwägungen lässt sich Lohndrückerei in staatlichen Betrieben schlechter durchsetzen als in privaten. Und der Staat, von vielen als klassenneutral gedeutet, zeigt in dieser Frage, auf wessen Seite er wirklich steht, wessen Interessen er wirklich vertritt. Denn die Aufteilung der ÖBB in elf Unternehmen (fünf Aktiengesellschaften und sechts Gesellschaften mit beschränkter Haftung, einschließlich der Schieneninfrastruktur-Finanzierungs-Dienstleistungs GesmbH) ist ein besonderes Zuckerl für die Kapitalisten, für jede Branche fällt etwas ab: Die Personenverkehrs-AG und die Rail Cargo Austria, zuständig für den Güterverkehr, müssen zukünftig kommerziell auf eigenen Beinen stehen. Der Individualverkehr und damit die Autoindustrie können auf schöne Umsatzsteigerungen hoffen, da die Fahrpreise um 10 bis 30 % steigen werden, wodurch die Werktätigen mangels Alternativen auf den PKW umsteigen müssen. Der durch die Privatisierung verteuerte Güterverkehr auf der Schiene lässt jedes profithungrige Frächterherz höher schlagen. Die geplante Bau AG wird eine Konjukturstütze für die „Wirtschaft“, insbesondere die großen Baukonzerne sein. Und schließlich die Personalmanagment GesmbH, deren erklärtes Ziel der Abbau von Mitarbeiter/innen ist: Das nicht beschäftigbare Personal wird dorthin sozusagen abgeschoben, zur Umschulung „geparkt“ und bei Nichtbeschäftigung abgebaut. Was kann es für die Kapitalisten neben hohen Profiten Schöneres geben, als eine Reservearmee, die zu Dumpingpreisen gekauft und gefeuert werden kann!

All diese Schweinereien, gegen die die ÖBBler ihren Kampf geführt haben, werden von der Gewerkschaftsspitze akzeptiert. Ihr geht es im wesentlichen nur darum, in den Entscheidungsfindungsprozess der Herrschenden einbezogen zu bleiben. Die heutige ÖGB-Führung bildet eine Kaste, deren Position von der Bourgeoisie gestützt wird, weil die ihnen vom Kapital zugewiesene Rahmenfunktion vor allem darin besteht, den wachsenden Unmut und die Kampfbereitschaft der Arbeiter/innen und Werktätigen in für die Bourgeoisie annehmbare Bahnen zu lenken. Dieser Rahmen wird von den Gewerkschaftsspitzen selbst nie gesprengt werden, auch wenn Verzetnisch und Co. nun wieder großmaulig verkünden, dass jegliche Einmischung der Regierung in die Verhandlungen um das Eisenbahndienstrecht neue Streiks nach sich ziehen würde. Diese Entscheidung, wann und wie lange wir in Zukunft für unsere Interessen, für die Interessen der Werktätigen, streiken werden, dürfen wir nicht der ÖGB-Spitze überlassen. Mit der Lüge der Regierung, dass durch unbefristete Kampfmaßnahmen der „Wirtschaftsstandort Österreich“ gefährdet sei, kann schnell aufgeräumt werden: „Wirtschaftsstandort Österreich“ bedeutet in den Augen der „Oberen“ nichts anderes als weder durch Streiks noch andere proletarische „Störmaßnahmen“ gesicherte Profite. Da stellt sich die Frage: Warum soll die Minderheit, deren Perspektive die Vermehrung ihres Reichtums auf dem Rücken der Lohnabhängigen ist, die Zukunft all jener bestimmen, die sich tagtäglich für einen Bruchteil dessen, was ihnen in Wahrheit zusteht, kaputthackeln?

Dass die Arbeiter/innen und Angestellten der Österreichischen Bundesbahnen in dem tapferen Kampf, den sie gegen die Regierung geführt haben, vieles verloren und weniges gerettet haben, steht wohl außer Streit. Ohne diesen Kampf wäre die Regierung Schüssel–Gorbach über sie hinweggerollt. Die ÖBBler konnten freilich nicht verhindern, dass diese Regierung in ihrer Übererfüllung der Europäischen Planvorgaben weiterhin an der Grenze des verfassungsmäßig Erlaubten agiert. Und sie allein werden die undemokratische Haltung der Regierung nicht ändern können. Dazu wird es großer Teile der österreichischen Bevölkerung bedürfen, die aber wiederum zu einem großen Teil aus Kunden der Bundesbahnen besteht. Eine Verschlechterung der Bahnstrukturen werden daher auch diese sehr bald verspüren, und wenn diese jetzt den vollen Umfang der Regierungspläne zur Zerschlagung der Bahn noch nicht so recht begreifen, so ehrt es die Eisenbahner desto mehr, dass sie zumindest dem Gedanken nach ihre Ziele an dem allgemeineren Interesse aller Arbeiter/innen Österreichs orientiert haben. Und hoffentlich werden sie dies auch weiterhin tun, und hoffentlich wird es aus der Bevölkerung dafür in Zukunft mehr Verständnis und Solidarität geben damit eine geschlossene Front aller Ausgebeuteten und Unterdrückten gegen das kapitalistische System gebildet wird!