Die Frauenkolonne am Laaerberg

Der folgende Text stammt aus einem Sammelband mit stenographisch aufgezeichneten Erzählungen von Februarkämpfer/innen, der 1936 in Moskau in der Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter in der UdSSR erschienen ist.
Der Text ist der einzige in diesem Band, der von einer Frau verfasst wurde. In den meisten anderen Texten zum Februar 1934 kommen Frauen überhaupt nicht vor oder wird ihre Beteiligung an den Kämpfen darauf reduziert, dass sie durch die Sammlung von Lebensmitteln und die Versorgung Verwundeter zur Aufrechterhaltung des Kampfes beitrugen. Bei diesem Text von Elsa Maier werdet ihr merken, dass die Frauen auch noch ganz andere, militante Aktionen starteten.

Proletarische Rundschau Nr. 14, Februar 2004

Die kommunistische Zelle am Laaerberg arbeitete nicht schlecht. In der letzten Zeit führten wir mit Erfolg den Kampf gegen die verräterische Politik der sozialdemokratischen Führer, die die revolutionär gestimmten Massen von entscheidenden Vorstößen gegen den Faschismus abhalten wollten.
Es gelang uns, zur sozialdemokratischen Organisation am Laaerberg Zutritt zu finden. Wir schufen eine illegale Betriebszelle in der Ankerbrotfabrik, mit der wir in ständiger Verbindung standen.
Viele untere Funktionäre der sozialdemokratischen Partei arbeiteten Hand in Hand mit uns, einige gehörten insgeheim zu unseren Zellen und halfen uns bei der Herausgabe unserer Häuserblockzeitung sowie auch beim Vertrieb der „Roten Fahne“.

Am 12. Februar um 11 Uhr früh bekam die Zelle am Laaerberg von einem linken Sozialdemokraten die Mitteilung, daß in Linz der Kampf begonnen habe. Unsere Zelle hielt eine kurze Besprechung gemeinsam mit linken Sozialdemokraten ab.
Um diese Besprechung einzuberufen, gingen wir die Wohnungen unserer Genossen ab und sagten ihnen: „Genossen, die Polizei schießt bereits auf die Arbeiter. In Linz sind die ersten Opfer gefallen. Wir müssen sofort in Aktion treten!“ In unserer Besprechung verlangten wir Kommunisten die Aufnahme des Kampfes für die Diktatur des Proletariats. Dem Ruf unserer Zelle folgten 35 Genossen, die sofort bewaffnet wurden. Diese 35 Kommunisten und Sympathisierenden wurden in zwei Gruppen eingeteilt: die eine ging nach Simmering, um dort die Schutzbündler zu unterstützen, die andere in den Quellenhof.
Vom Ausbruch des Kampfes an organisierten unsere Frauen eine Sanitätskolonne. Die Kämpfer waren hungrig und baten um Essen. Die Kommunistinnen wandten sich die die Schutzbündlerfrauen mit der Aufforderung, eine gemeinsame Gruppe zu bilden, die den Transport der Verwundeten, die erste Hilfe für sie und die Verpflegung der Kämpfer übernehmen sollte. Die Frauen nahmen diesen Vorschlag mit Begeisterung auf. Es wurde ein Komitee geschaffen, in dem neben sozialdemokratischen Arbeiterfrauen auch vier Kommunistinnen vertreten waren. Eine Kommunistin wurde zur Vorsitzenden des Komitees gewählt. Wir begannen sofort Mittel zur Unterstützung der Kämpfenden zu sammeln.
Wir gingen zum Leiter der Zweigstelle des Konsumvereins und suchten ihn davon zu überzeugen, daß der Konsumverein verpflichtet sei, die Arbeiter in ihrem Kampf zu unterstützen. Er war jedoch für dieses Argument wenig zugänglich. Er wollte verkaufen, aber nicht kämpfen. Daraufhin drohten wir ihm, daß wir seinen Konsumverein boykottieren würden. Wir machten ihn auch darauf aufmerksam, daß wir ein Recht auf die Lebensmittel hätten, denn wir hatten ja unsern Anteil im Konsumverein eingezahlt. „Wenn nötig, werden wir uns auch nicht genieren, mit Gewalt zu nehmen, was wir brauchen“, sagten wir ihm. Schließlich war er doch gezwungen, uns nachzugeben. Außerdem führten wir eine Sammlung bei den Kaufleuten am Laaerberg durch. Wir bekamen Geld, Lebensmittel, Zigaretten usw. Es fehlte uns nur an Brot. Auch diese Aufgabe lösten wir bald. Als ein Brotwagen bei uns vorbeifuhr, beschlagnahmten wir das ganze Brot.

Am Dienstag um 1/2 10 Uhr früh erhielten die Genossen in den Stellungen Schmalzbrote, Wurst und Eier. Zum Mittag hatten wir Fleisch, Gemüse und Suppe. Wir sammelten so viel Lebensmittel, daß wir noch Pakete für die Kinder der Verhafteten austeilen konnten. Einen Teil des Geldes lieferten wir an die Rote Hilfe ab zur Überweisung an die Gefangenen. Wir nannten uns Verpflegungskolonne der kommunistischen Zelle am Laaerberg.
Der Kommandant des Quellenhofes ergab sich, als er erfuhr, daß der Quellenhof isoliert war. Er tat es gegen den Willen der Arbeiter. Die Polizei und das Militär begannen die Heimkehrersiedlung zu beschießen, durch die sich die Schutzbündler aus dem Quellenhof zurückzogen. Um die Kinder zu schützen, begannen wir in den Wohnungen Barrikaden zu bauen. Unter stärkstem Feuer liefen die Frauen aus einem Haus ins andere, aus einer Straße in die andere, brachten den Kämpfern Essen und trugen Verwundete zum Arzt. Um den Simmeringern den Rücken zu decken, bauten die Frauen auf der Straße Barrikaden, wozu sie allen möglichen Hausrat verwendeten.
Während des Kampfes gab unsere kommunistische Zelle zwei Flugblätter heraus. In dem einen wurden die Schutzbündler am Laaerberg aufgefordert, das Polizeikommissariat zu besetzen, um den Simmeringer Schutzbündlern ihren Kampf zu erleichtern. In dem anderen Flugblatt wurde die Losung ausgegeben, den Kampf bis zum Sturz der faschistischen Regierung auszudehnen.

Elsa Maier (Wien-Favoriten)

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