Internationaler Frauentag 2004

Wir dokumentieren den Redebeitrag des Frauenstammtisch Ottarking
zum Internationalen Frauentag

Redebeitrag des Frauenstammtisch Ottakring, 8. März 2004

Heute, am 8. März 2004, gibt es für uns Frauen und Lesben leider nicht viel Neues über die gesellschaftliche Lage zu sagen. Es geht uns nicht besser, sondern in den letzten Jahren werden wir sogar noch aggressiver ausgebeutet. Viele politische Entscheidungen richten sich gegen uns arbeitende Frauen, egal ob wir im Handel, in der Fabrik oder im Büro oder sonst wo arbeiten. Oder ob wir zu den zigtausenden erwerbslosen Frauen, egal ob jung oder alt, ob klein oder groß, gehören. Jede kapitalistische Reform ist derzeit nichts anderes, als eine Gegenreform. Gegenreform heisst, wir sind gezwungen, privat Lösungen zu finden. Wir sollen keine gesellschaftlichen Forderungen stellen, sondern werden vereinzelt und gegeneinander ausgespielt.

Nehmen wir den Gesundheitssektor:

Wir werden angegriffen, indem wir trotz höherer Beitragszahlungen immer mehr Selbstbehalte zahlen müssen.
Wir werden angegriffen, indem im Pflegebereich immer mehr Personal eingespart wird.
Wir werden angegriffen, indem wir trotz Fristenlösung vor den privaten Abtreibungskliniken schikaniert werden.
Wir werden angegriffen, indem wir im sozialen Umfeld immer mehr Pflegearbeit übernehmen müssen.

„Wellness“ heisst das Zauberwort, dass uns weismachen soll: „Jede ist ihrer eigenen Gesundheit Schmiedin“. Dabei ist allgemein bekannt, dass Armut krank macht. Und die herrschenden kapitalistischen und patriarchalen Verhältnisse, die mühselige „flexible“ Hackn im Betrieb und der niedrige Lohn, treiben besonders viele Frauen (und ganz besonders Migrantinnen) in die Armut. Und dann wird uns noch die Verantwortung für die körperliche und seelische Gesundheit der Familienangehörigen aufs Aug gedrückt!

Es ist Samstag, 14Uhr, Schichtwechsel im Supermarkt. Marianne ist alleinerziehende Mutter einer 8jährigen Tochter, die zu Hause auf sie wartet. Sie ist gerade mit der Arbeit fertig geworden, hat noch schnell selber ein paar Sachen eingekauft und hetzt jetzt vollbepackt nach Hause. Sie hat Kreuzschmerzen vom Obstkisten schleppen, Seitenstechen von der Hektik und irgendwo hinter den Augen sitzt ein nervenzerfetzendes Kopfweh – wahrscheinlich weil sie gestern zu spät schlafen gegangen ist. Sie musste noch den Wäscheberg wegbügeln. Andererseits könnte das Kopfweh auch eine Nachwirkung ihrer Verkühlung sein, die sie vor zwei Wochen hatte. Wo sie sich nicht getraut hat in Krankenstand zu gehen, weil die im Supermarkt sind recht zackig mit Kündigungen. Aber egal. Wird schon vergehen. Jetzt muss sie zuerst einmal schauen, dass sie nach Hause kommt. Manchmal kommts ihr so vor, als kämen die Asthmaanfälle der Kleinen immer dann, wenn sie zu lange allein war…

Im Bildungsbereich sieht es nicht anders aus:

Ständig wird uns vorgegaukelt, dass unsere Kindergärten, öffentlichen Schulen und Universitäten zu teuer sind. Ständig wird uns vorgegaukelt, dass die Bildung zu teuer ist.

Dabei geht es gar nicht darum, dass wir entscheiden, welche Ausbildung uns und unseren Kindern zukommt, sondern nur die kapitalistische Wirtschaft gibt vor, was wir lernen sollen, damit wir besser verwertbar sind. Bessere Verwertung heisst bei den Kapitalisten und ihren politischen Schwätzern, wir sollen noch billiger, flexibler und leistungsfähiger werden. Mehr Produktivität für weniger Lohn; und die Aus- und Weiterbildungskosten sollen wir selber tragen. Mit den Kindern die Hausaufgaben machen oder teure Nachhilfe bezahlen. Und „lebenslang Lernen“ damit wir selbst „fit bleiben für den Arbeitsmarkt“. All das kostet Zeit und Geld und beides ist bei berufstätigen Frauen rar!

Eine Freundin, ich hab sie schon lange nicht mehr gesehen, hat mir ein email geschrieben. Sie ist gerade einmal 40 Jahre alt, hat die Hälfte ihres Lebens als Technikerin für einem Konzern gearbeitet, der dann seinen Standort gen Osten verlagert hat. Jetzt ist sie arbeitslos, seit über 6 Monaten schon. Das AMS hat sie in einen Kurs gesteckt, wo junge Akademiker und Akademikerinnen sie motivieren sollen. Sie müsse sich „neue Perspektiven“ suchen, wird ihr erklärt. Sie dürfe „keine Angst vor neuen beruflichen Herausforderungen“ haben. Meine Freundin schreibt, dass sie ziemlich wütend wird von dem Gerede. „Die tun ja gerade so, als wäre ich befördert und mit neuen Aufgaben betraut worden, dabei bin ich gekündigt! Meine grösste Herausforderung besteht derzeit darin, in den Euro-Shops nach Schnäppchen zu jagen, damit ich meine Wohnung weiter bezahlen kann.“ Bei den Bewerbungsgesprächen sagt man ihr, dass sie „überqualifizert“, sprich: zu alt ist. Ihre Ausbildung ist zu einseitig, zu fachspezifisch, wird ihr erklärt. Sie überlegt jetzt, einen WIFI-Kurs zu machen, der kostet einen 4stelligen Euro-Betrag. Eine Investition in die Ich-AG, sozusagen, was bleibt ihr denn anderes übrig?

Selbst bei gleichbleibendem Lohn sinkt unsere Kaufkraft unerbittlich.

Die Herrschenden werden aber nicht nur bei unseren Löhnen immer gieriger. Ihre Tricks sind zahlreich: Mal wird uns PensionistInnen weniger Pension zugestanden, mal verlängern Sie unsere „flexible“ Arbeitszeit, mal weisen Sie uns als AusländerInnen ausser Landes, mal kürzen Sie unsere Arbeitslose, dann wieder die Sozialhilfe, mal verschlechtern oder zerstören sie die von unserem Geld aufgebauten sozialen Einrichtungen, ständig sind sie unersättlich. Ihre strukturelle Gewalt treibt uns unaufhörlich weiter in die Armutsfalle.

Räusper, hüstel (Originalzitat von der ÖVP-Homepage):
Der Bundeskanzler und sein Team haben sich bewährt. Wir haben solide gewirtschaftet und so Spielraum für Investitionen geschaffen, vor allem in die Bildung.

Ganz schön gerissen fomuliert, ihr Gfraster! Ihr sponsert die Konzerne mit unserem Geld. Und die sponsern dann vielleicht, wenn sie sich was davon versprechen, eine HTL im Rahmen der Schulautonomie. Verkaufts uns nicht für blöd!

Wir haben sozial gehandelt und eine Pensionssicherungsreform gemacht.
Was ist daran sozial, die PensionisInnen abzuzocken? Ihr habt sichergestellt, dass wir alle weniger Pension kriegen! Und die unter 35-jährigen können sich auf ein „Pensionskonto“ freuen, das wird magerer sein als das Sparschwein meiner armen Großmutter!

Wir haben das Kindergeld für alle geschaffen. Dieses bedeutet echte Wahlfreiheit für Mütter.
Frei Wählen könn ma, aber wie das beim Wählen halt so is: Ändern tut sich nix, rauskommen tut immer dasselbe. Willst nach der Karenz wieder arbeiten gehen, kommst drauf dassd gekündigt bist, weil der Kündigungsschutz nur zwei Jahre gilt. Willst dein Kind in den Kindergarten geben, findest keinen Kindergartenplatz. Oder du kommst drauf, dass der Kindergarten mehr kostet als du bei deinem Frauen-Minilohn verdienst, dass sich arbeiten also gar ned auszahlt…

Sie glauben, wir schätzen ihr leeres politisches Blabla. Sie irren sich.
Sie glauben, wir durchschauen Ihre ungenierte materielle Gier nicht. Sie irren sich.
Sie glauben, wir freuen uns, wenn wir wieder mehr Familien- oder Reproduktionsarbeit gratis leisten. Sie irren sich.
Sie glauben, sie könnten uns mit ihren ständigen Hetzkampagnen spalten und gegeneinander ausspielen.
Sie irren, weil wir beweisen werden, dass wir uns einigen und zusammenschließen werden und wir begrüßen jeden Kampf weltweit, der sich gegen Unterdrückung und Ausbeutung richtet.

Deshalb rufen wir gegen Sozialraubbau auf.

Wir Frauen und Lesben wollen gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

Wir Frauen und Lesben wollen die Vergesellschaftung der Hausarbeit, der Bildungs- und Pflegearbeit.

Wir Frauen und Lesben wollen das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben ohne Ausbeutung und Unterdrückung – international.

Frauenstammtisch Ottakring, 8. März 2004

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