Standort – Reichtum ist Zeit über die man verfügt sonst nichts

„Die Diskussion bringt keine neuen Argumente.
Sie gibt Lohndumping nur einen neuen Titel.“

(Fritz Verzetnitsch, ÖGB-Präsident)

August 2004

In Deutschland bei Siemens in Kamp-Lintfort und Bocholt haben sich das Unternehmen und die Personalvertreter auf die Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche, und zwar ohne Lohnausgleich, geeinigt. Zusammen mit den Kürzungen bei den Jahressonderzahlungen bringt dies Einkommenseinbußen bis zu 30% mit sich. 4000 Beschäftigte sind davon betroffen; im Gegenzug erhalten sie eine Arbeitsplatzgarantie für zwei Jahre.
Das ist für die deutschen Unternehmensvertreter ein großer Durchbruch in der in Deutschland heiß diskutierten politischen Debatte um die Arbeitszeiten. Ein Unternehmen hohen Rangs ist vorgeprescht und hat mit seiner Offensivkraft Tatsachen geschaffen, die der Argumentation der Unternehmensseite großen Nachdruck verleihen wird. Derzeit macht Daimler Chrysler Druck auf seine deutsche Belegschaft. Die gesamte deutsche Automobilindustrie bekräftigt den Willen nach Arbeitszeitverlängerung. Es steht 1 : 0 gegen uns!
In Österreich ist die Debatte noch nicht so weit fortgeschritten. Aber mit Siemens, einem internationalen Unternehmen, das auch in Österreich seine Niederlassungen hat, wird sie sich sehr schnell zuspitzen. Denn die Konkurrenz, selbst betriebsinterner Strukturen, wird Siemens bald auch hierzulande zum Vorreiter der Arbeitszeitverlängerung machen. Die offizielle Politik, die derzeit noch darum bemüht ist, sich von solchen Bestrebungen abzugrenzen, wird letztlich, soweit sie nicht schon heute für längere Arbeitszeiten plädiert, auf den fahrenden Zug aufspringen. Karl Heinz Grasser ist schon dabei.

„Eine Verlängerung der Arbeitszeit kann für Produktionsstandorte eine Lösung sein.“
(Albert Hochleitner, Siemens-Österreich-Generaldirektor)

Die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung hört man von Seiten der Gewerkschaft schon
längere Zeit nicht mehr. Aus der Offensive geht sie zur Defensive über und will die derzeitigen Arbeitszeitregelungen verteidigen. Und obwohl die Arbeiter- und Arbeiterinnenschaft in letzter Zeit ökonomisch, sozial und politisch Niederlage um Niederlage erleiden musste, gehen die Gewerkschaften nicht zum Angriff über. Freilich steht viel auf dem Spiel, und die Offensive kann unvorsichtiger Weise zu neuerlicher Niederlage führen. Verteidigung aber wird nie zum Sieg führen. Gewinnen kann man nur durch Offensive. Das weiß unser aller nationaler Teamchef, Hans Krankl, besser, als es uns unsere Coaches von der Gewerkschaft raten wollen.
Es ist freilich allen klar, dass die Unternehmen durch die Konkurrenz gezwungen sind die Arbeitszeit zu verlängern. Immerhin kann alleine schon durch die reine Verlängerung der Arbeitszeit die Masse des Ausstoßes, und bei sonst gleichen Bedingungen die Masse des Profits, erhöht werden. Entfällt gar noch der Lohnausgleich erhöht die Arbeitszeitverlängerung sogar‘ direkt die Rate des Profits zugunsten des Unternehmens. Es wird also so oder so Vorteil in der Konkurrenz nehmen. Der Standort, meint man, bleibt erhalten.

„Es ist durchaus zumutbar, dass man zwei Stunden länger für den gleichen Lohn arbeitet.“
(Wolfgang Reithofer, Wienerberger-Generaldirektor)

Der „Standort“ ist das gewichtigste Argument für die Arbeiter und Arbeiterinnen. Sie können dem Unternehmen nur begrenzt nachreisen. Es kommt vor, dass ArbeitnehmerInnen sogar einen Anfahrtsweg zum Arbeitsplatz von zwei Stunden oder mehr in Kauf nehmen, nur damit sie überhaupt einen Arbeitsplatz haben. Die Bereitschaft übertrifft sogar die gesetzlichen Zumutbarkeiten! – Der Markt schreibt das Gesetz! Und obwohl die Spirale sich nach oben dreht, d.h., immer mehr Arbeiter und Arbeiterinnen sind zu immer längeren Anfahrtswegen bereit, hat das alles seine Grenzen. Physische wie politische. Und nur ein kleines Beispiel zur Arithmetik: Wenn die Arbeitszeit verlängert wird, so sinkt automatisch auch die realistische Möglichkeit zur Ausdehnung des Anfahrtsweges! Der Tag hat immer nur 24 Stunden! Der Standort muss gesichert werden heißt: die Betriebe sollen nicht davonlaufen. Die werden doch glatt zu Wirtschaftsflüchtlingen, wenn die Profite nicht stimmen! Da helfen keine Migrationsgesetze! Und deswegen sitzen die Arbeiter im selben Boot – aber an den Rudern, nicht am Steuer! Und die Boote fahren um die Wette, aber der Kampf findet auf den Booten selber statt. Wer hält denn das Steuer in der Hand? Und wer ist am Ruder?

„Der Wettbewerb mit unseren Nachbarn ist knallhart. Mit Asien wird er noch viel härter. Wir müssen darüber nachdenken, was wir an Produktion behalten können und was wir dafür tun müssen. Selbst wenn es darauf hinausläuft, die eine oder andere Stunde in der einen oder anderen Woche mehr zu arbeiten.“
(Veit Sorger, Generaldirektor Frantschach & Präsident der Industriellenvereinigung)

Die Arbeitszeitverlängerung ist eine – nicht die einzige, es gibt auch andere – Möglichkeit den Standort und somit die Arbeitsplätze zu sichern. Wenn die Profite steigen, so zahlt es sich unter Umständen für das Unternehmen aus den Standort seines Betriebes beizubehalten, also nicht auszuwandern. Das kann sogar noch einen Multiplikatoreffekt haben, weil ja andere Unternehmen unter Umständen in unmittelbarer Nähe siedeln müssen, um besser beliefert zu werden oder selbst besser beliefern zu können. Arbeitsplätze in anderen Betrieben bleiben also auch erhalten oder werden sogar neu geschaffen. Die Umstände unter denen dies zutrifft sind zu zahlreich und vielfältig um genannt zu werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die günstigsten zusammenträfen zu gering, um beachtet zu werden.
Der Standort scheint gesichert, wenn die Profite steigen. Wenn sie steigen! In längerer Arbeitszeit werden freilich höhere Werte hergestellt. Es kommt zu vermehrtem Wertzuwachs. Der höhere Wertzuwachs sorgt auch für mehr Wert in Händen des Unternehmens; bei Ausfall des Lohnausgleichs ausschließlich in Händendes Unternehmens. Dann verdienen die Arbeitenden nicht mehr, sie haben nur ihren Arbeitsplatz „erhalten“. Sie können also gar nicht mehr kaufen. Sie haben aber mehr hergestellt. Ja, wer kauft denn dann die hergestellten Sachen? Können die Unternehmen denn wirklich mehr Profit machen, wenn sie die Produkte nicht verkaufen können? Es sind doch die Produktionskapazitäten schon heute nicht voll ausgelastet!
Sicher, es gibt Produkte die nicht dem unmittelbaren Konsum zugeführt werden. Aber letztlich nach gezählter Reihe von Verwertung ist doch alles zum endgültigen Verzehr bestimmt. Wer wird das Geld haben? Die Arbeiter und Arbeiterinnen wohl kaum! Vielleicht die Unternehmer? Vielleicht das Militär?! Ist aber kein Geld überhaupt nicht da, so wird der Betrieb auf seinem Standort zerbröseln!
Übrigens ist es höchst unwahrscheinlich, dass ein derart großer Konzern wie Siemens den Produktenausstoß so weit vergrößern wird, wie es nach der Arbeitszeitverlängerung (um fast 15%) nach möglich wäre. Die großen Monopole sind viel zu clever, als dass sie sich in ungestümer, anarchischer Konkurrenz selber die Preise ruinieren würden. Was also die Arbeiter erhandelt haben ist nur die Zusage auf einen Arbeitsplatz für die nächsten zwei Jahre. Danach wird die Ernte von den Unternehmern eingefahren und der Druck auf die Arbeiter, die Drohung den Arbeitsplatz zu verlieren wird desto größer als ja die Unternehmer so viele gar nicht brauchen. Was Siemens also allein durch die Verlängerung der Arbeitszeit um fast 15% erreicht hat ist nichts anderes als eine mehr als 15%-ige, versteckte Lohnsenkung, wenn man bedenkt, dass die Arbeiter bis dato über die Normalarbeitszeit hinaus Überstunden leisteten, die nun wegfallen. Die Lohnsenkung rechnet sich für den Unternehmer voll, wenn er dann noch überschüssig gewordene Arbeitskraft abbaut. Das hätte der Konzern wohl kaum erreicht, wenn er die Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich direkt zu den anderen ca. 15% Lohnkürzung, was Weihnachts-, Urlaubs- und Sonderzahlungen betrifft, zusätzlich als Lohnkürzung deklariert hätte.

„Wir wollen in den nächsten drei Jahren eine Verlängerung von jeweils einer halben Stunde durchsetzen. Der Vorteil wäre, dass der Einzelne das nicht merkt.“
(Kurt Eder, Generaldirektor VoestAlpine)

Wie auch immer: Die Tatsache, dass ein Unternehmen und seine Belegschaft sich auf längere Arbeitszeiten einigen, zwingt über die Konkurrenz andere Unternehmen und andere Belegschaften zu ebensolchen Schritten. Der positive Effekt löst sich auf, verpufft. Die Arbeit ist mehr geworden. Ein Ausstieg aus diesem Teufelskreis ist von der Konkurrenz nicht vorgesehen.
Ergebnisse der Arbeitszeitforschung belegen, dass lange Arbeitszeiten zu erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen, zu erhöhten Stresssymptomen sowie Ermüdungserscheinungen und einer damit verbundenen Steigerung des Unfallrisikos führen können. Außerdem haben Untersuchungen ergeben, dass längere Arbeitszeiten zu höherem Herzerkrankungsrisiko führt. Hinzu kommt, dass Freizeit nachweislich dann besonderen, auch gesund-heitlichen Wert erlangt, wenn in ihr nicht nur die mindest notwendige Zeit zur körperlichen Erholung enthalten ist, sondern auch noch ein Anteil an Zeit für soziale Beziehungen. Dieser Anteil sinkt aber bei Verlängerung der Arbeitszeit zuerst.
Das wissen die Unternehmer! Darum braucht man sich zunächst auch keine Sorgen zu machen darüber, dass sie die Arbeiter zu sehr vor den Pflug spannen. Sie wissen natürlich, dass sie die Arbeitszeit, die Arbeitsintensität und die Flexibilisierung nicht zu stark ausdehnen können. Spannen sie da an, müssen sie dort lockern. Lockern sie hier, können sie da anspannen. Sie sind nicht daran interessiert, dass ihnen die Arbeiter wie die Fliegen davonsterben, denn es sollen ja immer genügend von ihnen da sein. Genügend aber ist relativ.
Bei einer genügend hohen Arbeitslosenquote kann man allgemein schon fester anspannen als bei Arbeitskräftemangel. Dem einzelnen Arbeiter wird seine Gesundheit wohl kaum egal sein, dem Unternehmer dagegen ist die Gesundheit des einzelnen Arbeiters kaum ein Anliegen. Höhere Arbeitlosigkeit wird also die Tendenz zu höherer Leistungserwartung zusätzlich steigern.

„Denen geht es doch in letzter Konsequenz um nichts anderes, als die Arbeitnehmer für den gleichen Lohn länger arbeiten zu lassen“
(Rudolf Nürnberger, Vorsitzender der Metallarbeitergewerkschaft)

Muss die gleiche Zahl von Beschäftigten in einem Betrieb länger arbeiten, brauchen die Firmen weniger Personal. Die Berechnung der Wirtschaftsforscher: Würde die Arbeitszeit generell um fünf Prozent erhöht, sinkt die Gesamtbeschäftigung um 2 bis 3,5 Prozent. Die Folge wären 60.000 bis 100.000 Arbeitslose mehr – in einer Zeit, in der im Jahresschnitt bereits 244.000 Männer und Frauen arbeitslos sind.
„Solidarität“, Solidarität der Proleten aller Länder, ist die „Zauberformel“!
Kein Arbeiter soll sich einbilden, dass er Wirtschaftsstandorte erhalten könne, solange der Betrieb nicht ihm gehört! Er soll sich lieber dahin bilden, dass er, seine Klasseninteressen wahrt, seine Positionen hält, also die Standorte seiner Gesinnung! Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich sei seine Forderung! Schluss mit der Arbeitslosigkeit! Nieder mit der Konkurrenz unter den Arbeitern – national und international! Hoch die internationale Solidarität! Ruderer aller Länder vereinigt euch! Übernehmt das ganze Boot!

„Das Thema für uns heißt aber: Arbeitszeitverkürzung, nicht Verlängerung.“
(Karl Proyer, GPA-Geschäftsbereichsleiter)

Feiertage

Die österreichische, hinterhältige Variante der Diskussion um Arbeitszeitverlängerung ist die Debatte um Streichung der Feiertage. Es wird also an allen Ecken und Enden angesetzt. Kein Zipfel wird ausgelassen. So will man hierzulande die Arbeiterschaft aufs Kreuz legen und niederringen. Wird man „großzügiger Weise“ die Feiertage belassen, so wird man „Zugeständnisse“ bei den Arbeitsstunden erwarten, und umgekehrt.

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