Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?

Österreich ist ein zwar kleiner, aber wie Deutschland, Frankreich, Belgien und andere Staaten EUropas, wie die USA, wie Japan, ein hoch entwickelter kapitalistischer Staat. Allen Staaten ist gemeinsam, dass ihre Gesellschaften in Klassen gespalten sind. Gesellschaftsklassen sind große Menschengruppen. Die Klassenzugehörigkeit einer Person ergibt sich vor allem aus ihrem Verhältnis zu den gesellschaftlichen Produktionsmitteln. In den am meisten entwickelten kapitalistischen Staaten stehen sich im Wesentlichen zwei gesellschaftliche Hauptklassen gegenüber: Kapitalistenklasse (Bourgeoisie) und Arbeiter/innenklasse (Proletariat). In Österreich umfasst die Kapitalistenklasse einige 10.000 Personen („Die oberen Zehntausend“). Angehörige dieses Personenkreises verfügen fast zur Gänze über die vorhandenen gesellschaftlichen Produktionsmittel, d. h. Fabriken, Tranportmittel, Rohstoffe, Maschinen, Anlagen usw. Die Arbeiter/innenklasse umfasst in Österreich mehr als fünf Millionen Menschen. Die Angehörigen dieser Klasse besitzen nichts als ihre Arbeitskraft, was sie dazu zwingt diese zu verkaufen, da sie über andere Existenzmittel bzw. Einnahmequellen nicht verfügen. Ein mehr oder weniger großer Teil dieser Klasse ist im Kapitalismus jeweils erwerbsarbeitslos. Die Arbeitslosigkeit ist kein Missstand, der sich im Kapitalismus langfristig beheben ließe, sie ist ein System erhaltender Bestandteil. Zur Arbeiter/innenklasse gehören selbstverständlich auch alle Personen, die noch nicht oder nicht mehr, oder zeitweilig nicht der Lohnerwerbsarbeit nachgehen können. Kurz alle, die von den Arbeitslöhnen versorgt oder mitversorgt werden müssen.

Die Art und Weise wie Menschen denken, das Bewusstsein von Einzelmenschen, aber auch das Bewusst-sein ganzer Menschengruppen hängt in ganz erheblichem Ausmaß von der materiellen Lage ab. Wir Arbeiter/innen und kleine Angestellte bestreiten unseren Lebensunterhalt von unserem Lohn oder Gehalt. Aus leidvoller Erfahrung wissen wir alle, dass Lohn bzw. Gehalt kaum jemals länger, wenn überhaupt, als bis zum nächsten Monatsersten reicht. Darüberhinaus können wir jederzeit gekündigt werden, Arbeitsplatzsicherheit ist in der „freien Marktwirtschaft“ bekanntlich nicht vorgesehen. Was das für existenzbedrohende Folgen haben kann weiß jede/r. Es ist ganz naheliegend, dass Personen, die Fabriken, Banken, Zinshäuser, Ländereien, Firmenanteile und dergleichen ihr eigen nennen, über ein grundlegend anderes gesellschaftliches Bewusstsein verfügen als Personen, die nichts als ihre Arbeitskraft besitzen.

Die Kapitalistenklasse versteht sich als Klasse bzw. als Gruppe, die in vielerlei Zusammenhängen verbandelt ist und diese Verbindungen ausnützt. Der Besitzer der Firma A muss dem Besitzer der Firma B gar nicht sympathisch sein, sie stehen vielleicht in Konkurrenz zueinander. Aber, und das ist gewiss, sobald wir Arbeiter/innen und Werktätigen unsere Rechte einfordern, haben wir sie geschlossen zum Feind. Denn wir könnten ihnen das wegnehmen bzw. das schmälern, wofür sie sogar ihren Großvater verkaufen würden – ihren Profit, ihr Kapital und sogar ihre Macht.
Wie steht’s nun aber mit unserem Klassenbewusst-sein, warum treten wir nicht so geschlossen und selbstbewusst auf wie „die da oben“? Zunächst einmal, weil sie an der Macht sind und wir nicht. Der Staat – Justiz, Polizei, Militär, Parlament usw. – steht ja nicht neutral über den Klassen, sondern ist ein Machtmittel der herrschenden Klasse. Ein anderes, erfahrungsgemäß sehr wirksames Mittel, das kapitalistische Lohn- und Ausbeutungs­system aufrecht zu erhalten, besteht darin, die Arbeiter/innen­klasse vielfältig zu spalten. Da werden so genannte Arbeiter­vertreter privilegiert, damit sie (klein-)-bürgerliches Bewusst­sein in die Arbeiter/innen­klasse hineintragen. Da werden einheimische Arbeiter/innen gegen Migrant/innen, Männer gegen Frauen, Junge gegen Alte usw. ausgespielt. Darüber hinaus verfügen die Herrschenden über alle möglichen Kanäle, uns mit individu­alisieren­der-entsolidari­sieren­der Ideo­logie heimzusuchen: „Jede/r sei seines/ ihres Glückes Schmied“, alle stünden wir mit unseren Pro­blemen allein da, das einzige, was wirklich zählt, sei der Konsum usw. Und gäbe es tatsächlich Missstände, dann gibt es dafür ja so genannte Volks­vertreter, die an unserer Stelle handeln. Kurzum, es reicht, wenn wir kuschen und hackein.

Warum scheuen die Herrschenden keinen Aufwand, um unser Klassenbewusstsein zu untergraben? Ganz einfach, weil der Widerspruch zwischen unserer Klasse und ihrer Klasse antagonistisch, das heißt unversöhnlich, ist. Die Kapitalisten haben verdammt viel zu verlieren, nämlich alles: den Profit, das Kapital und die Macht. Und wir haben eine Welt zu gewinnen. Da ist es natürlich aus der Sicht der Bourgeoisie überaus wünschenswert, wenn wir nicht einmal auf diese Idee kommen.
Viele Errungenschaften, die das Leben für uns Arbeiterinnen im Kapitalismus erst erträglich machen, wurden in vielen Jahrzehnten von der Arbeiter/innen­bewegung erkämpft: Verbot der Kinder­arbeit, Be­grenzung des Arbeits­tages, Streik­recht, Urlaubs­anspruch, Kollektiv­verträge, Arbeitslosen­versicherung, Alters- und Gesundheitsversorgung usw. Im Laufe der Zeit haben natürlich auch die Kapitalisten begriffen, dass es nicht zweckmäßig ist, mit der Arbeitskraft der Lohnarbeiter/innen unbegrenzt Raubbau zu betreiben. Das hat die Sozialistin Rosa Luxemburg 1899 zu folgendem Vergleich veranlasst: „Ihr habt sicher schon von den Wildschutzgesetzen gehört. In wessen Interesse werden die Wildschutzgesetze gemacht, etwa wegen der Rehe, oder wegen der Jäger, damit sie mehr Wild abzuknallen haben?“
In den Jahr­zehnten seit dem Zweiten Weltkrieg haben SPÖ und ÖGB alles in ihrer Macht stehende getan, um in der Arbeiter/innenklasse das Bewusstsein zu verdunkeln, dass die Arbeiter/innen für ihre Interessen kämpfen müssen, um auf Dauer nicht zu verelenden. Die herrschende Klasse betreibt heute einen Rückbau des Sozialstaates: Das Pensionssystem wird zerschlagen, durch Privatisierung wird gesellschaftlicher Reichtum zerstört, das Bildungssystem wird zusammengestutzt, Frauen werden aus dem Erwerbsleben gedrängt, den Arbeitslosen werden die Daumenschrauben angesetzt, die Arbeitszeit wird flexi-bilisiert und verlängert, immer mehr werden in so genannte prekäre Arbeits­verhältnisse hinein­gezwungen usw. Das alles sind brutale An­schläge gegen die Lebens­haltung der Arbeiter/innen­klasse, gegen jede/n von uns. Die Massen­medien, die ja alle von der Kapitalistenklasse beherrscht werden – Fernsehen, Radio, Tageszeitungen -, überschwemmen uns tagtäglich mit ihrer reaktionären Ideologie: „Reformen (gemeint ist Sozialabbau) seien notwendig, weil wir die längste Zeit über unsere Verhältnisse gelebt haben.“ Alles erstunken und erlogen!
In Wirklichkeit können wir uns den Schüssel, den Grasser, überhaupt die ganze Regierung einschließlich der staatstreuen Opposition, den sozial­partner­schaftlich orientierten ÖGB, die gesteigerte Arbeitshetze, die Standortkonkurrenz, den Polizeistaat, die Aufrüstung, die EU- Mitgliedschaft, ja die ganze kapitalistische Barbarei schon lange nicht mehr leisten! Das sind die Sauereien, die uns existenziell bedrohen!
In Wirklichkeit ist die Arbeitsproduktivität in den letzten Jahrzehnten immens gestiegen. Im gesellschaftlichen Leben gibt es keinen Stillstand. Wenn wir einen größeren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum nicht mit kämpferischem Nachdruck einfordern, dann wird er eiskalt von den Kapitalisten einkassiert. Die Ver­kür­zung der Arbeits­zeit auf 30 Stunden bzw. die 4-Tage-Woche bei vollem Lohn­aus­gleich ist längst überfällig und angesichts der heutigen Arbeits­hetze im Sinne unserer Gesund­heit unabdingbar. Eine tatsächliche Pensions­reform, nämlich eine, die diesen Namen verdient, und das ist nur eine, die die Lebens­lage der Arbeiter/innen­klasse nachhaltig verbessert, müsste die Lebensarbeitszeit deutlich verkürzen und die niedrigen Pensionen drastisch erhöhen. Um das grassierende Lohn­dumping einzubremsen, gehört ein Grund­lohn von mindestens 1.000 Euro netto im Monat her. Wer solche und ähnliche For­derungen utopisch nennt, macht sich zum Handlanger der Bourgeoisie. Der gesellschaftliche Reich­tum ist vorhanden und wird tagtäglich von der Arbeiter/innenklasse vermehrt. Nur die herrschende Klasse, die Kapitalisten, werden sich weiterhin so viel nehmen, wie sie können, solange wir sie nicht gehörig unter Druck setzen und militant und organisiert für unsere Interessen eintreten. Im Übrigen muss der ganze kapitalistische Saustall in der sozialistischen Revo­lution zer­schlagen werden.

Wer noch lebt, sage nicht: niemals!
Das Sichere ist nicht sicher.
So, wie es ist, bleibt es nicht.
Wenn die Herrschenden gesprochen haben
Werden die Beherrschten sprechen.

Aus: „Lob der Dialektik“ von Bertolt Brecht

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