Revolutionärer Prozess oder fortgesetztes Prozessieren?

(zum KPÖ-Volksstimme-Fest in Wien)
I
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Ausbeutung durch Lohnarbeit gepaart mit Unterdrückung des eigentumslosen Arbeitsvolks bestimmen die „menschlichen“ Umgangsformen im Kapitalismus seit seinen frühen Anfängen. In Österreich sind davon derzeit mindestens ca. 5,5 Millionen Menschen als Opfer betroffen, auch wenn von den Kapitalisten schön geredet und von den Betroffenen nicht immer als Last empfunden.
Das sei menschlicher Normalzustand, ja als Naturzustand werden uns die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse und deren herrschaftslose wirtschaftliche Eigenbewegung erklärt. Die Kapitalisten gebrauchen eine Verschleierungstaktik: Den Klassengegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie, der die heutige Gesellschaft politisch und kulturell bestimmt, versucht die herrschende Klasse oftmals mit der „Wir-sitzen-doch-alle-in-einem-Boot“-Taktik zu camouflieren; d. h., dass dem Arbeitsvolk Brosamen in Aussicht gestellt werden und die Konzernleitungen absahnen.

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Beobachten konnte man das letztens wieder beim Börsegang der österreichischen Post, als den Mitarbeiter(inne)n Aktien des Unternehmens angeboten worden sind, um den Unmut über den Privatisierungsschritt und die unaufhörlich sich verschlechternden Arbeitsbedingungen zu zerstreuen. Die Postarbeiter(innen) sind nun vielleicht „Aktionäre“, wohlhabend nicht!

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Neulich schlug der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts, B. Felderer, auf die Frage, wie man der österreichischen Wirtschaft wieder auf „die Beine helfen kann“, Folgendes vor: Kollektivverträge, „die alle Firmen – unabhängig von ihrer Ertragskraft – über einen Kamm scheren“ sollten durch stärkere Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer(innen) ersetzt werden. Und: „Lohnverhandlungen sollen sich stärker am Ertrag des jeweiligen Betriebes orientieren“, so würden „wir alle wirtschaftlich flexibler und anpassungsfähiger werden“. Na super! Herr Felderer hält die Peitsche bereit! Der Chef des Wirtschaftsforschungsinstitutes mag Gewinnbeteiligung und Lohnverhandlung nicht unterscheiden – „Wir-sitzen-doch-alle-in-einer-Galeere!“ –, will daher nichts davon wissen, dass man Gewinn aus vorenthaltenem Lohn schöpft – was einer schlechteren Verköstigung bei erhöhter Schlaganzahl gleichkommt. Schläge auf den Buckel für zu wenige Schläge ins Wasser!
Die Werktätigen, die nichts zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft, bekommen ohnehin nur so viel an Lohn, wie sie für die Reproduktion ihrer Physis und vielleicht ihres Lebensstandards benötigen, d.h. um sich zu kleiden, zu essen, sich mit ein bisschen Freizeitkonsum eventuell regenerieren zu können. Wer etwas anderes behauptet, wird sich überzeugen, wenn er seine/ihre eigene Lebenssituation im Geiste durchgeht – oder aber er/sie führt ein ganz anderes, kein Werktätigenleben. (Vielleicht hat er/sie den Lotto-Sechser schon gemacht?)
„Der Wert der Arbeitskraft wird aus zwei Elementen gebildet –,“ schreibt K. Marx, „einem rein physischen und einem historischen oder gesellschaftlichen. Seine äußerste Grenze ist durch das physische Element bestimmt, d. h. um sich zu erhalten und zu reproduzieren, um ihre physische Existenz auf die Dauer sicherzustellen, muss die Arbeiterklasse die zum Leben und zur Fortpflanzung absolut unentbehrlichen Lebensmittel erhalten.“ Gegen diese Grenze hinab, ist das Kapital bestrebt, die Löhne zu drücken.
Aber: „Außer durch dies rein physische Element ist der Wert der Arbeit in jedem Land bestimmt durch einen traditionellen Lebensstandard. Er betrifft nicht das rein physische Leben, sondern die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse, entspringend aus den gesellschaftlichen Verhältnissen, in die die Menschen gestellt sind und unter denen sie aufwachsen.“ Natürlich kämpfen die Werktätigen darum, ihren Lebensstandard zu erhöhen oder wenigstens zu halten; d. h.: „Die Frage löst sich auf in die Frage nach dem Kräfteverhältnis der Kämpfenden.“1
Vergessen wir also nicht, dass die Sicherung des heutigen Lebensstandards das Ergebnis eines Kampfes ist, das die Arbeiter(innen)klasse von der Bourgeoisie erst ertrotzt hat, und dass die Unternehmer niemals freiwillig ihren Profit zugunsten unseres Lohnes schmälern würden. Nur der weitere Kampf wird uns einen Lebensstandard sichern können. Gewinnbeteiligungen sind Maßnahmen zur Senkung des Lohns – oder glaubt jemand ernsthaft daran, dass etwa das Reinigungspersonal von Simacek durch „Mitarbeiterbeteiligung“ mehr Lohn (für weniger Arbeit) bekommt? Nein, die werden noch schneller wischen und putzen und noch rasanter in der Gosse landen!
Die gesellschaftlich vorwiegend wirkenden Akteure stellen sich als zwei einander gegenüberstehende Heere dar. Auf der einen Seite die Kapitalisten auf der anderen die Arbeiter(innen).

II
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Beutezüge gegen das Proletariat, Belagerung seiner Lebensqualität sind das tägliche Brot der Bourgeoisie. Es stellt sich nun die Frage, in welcher Verfassung das gegnerische Heer angetroffen wird. Die „psychologische Kriegführung“ darf man nicht außer Acht lassen! Spaltung, Entsolidarisierung und Individualisierung sind die ideologischen Waffen der Bourgeoisie, um das Heer seiner Gegner zu zerstreuen. Arbeiter(innen) werden gegen Angestellte ausgespielt (z. B. unterschiedlicher arbeitsrechtlicher Status), Männer gegen Frauen (z. B. unterschiedliche Löhne), so genannte Ausländer(innen) gegen „Inländer(innen)“ (z. B. Fremdengesetze, die die Leitworte der Französischen Revolution 1789 – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – unerfüllt lassen). Die Menschen werden dazu angehalten, sich ohne besondere Rücksichtnahme (unter Einsatz der Ellenbogen) auf ihre Klassengenoss(inn)en durchs Leben zu boxen, eine Vorgehensweise, die den Zusammenhalt der Ausgebeuteten und Unterdrückten untergräbt und den Ausbeutern und Unterdrückern sehr viel Nutzen bringt – und zwar bei der Profitmaximierung und der Herrschaftssicherung. „Jeder kämpfe für sich allein!“, ruft das Heer der Kapitalisten den Arbeiter(inne)n zu und will die Kampfregeln festlegen. Die Gegenstrategie der Arbeiter(innen) kann nur lauten: Organisieren wir uns!

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Entsprechend den zwei Kampfarten, dem „wirtschaftlichen“ und dem „politischen Kampf“, haben sich bislang folgende zwei Formen der Organisierung bewährt:
Die eine ist der Zusammenschluss der Werktätigen, um ökonomische Forderungen durchzusetzen: höherer Lohn, betriebliche Mitbestimmung, Bildungs- und Ausbildungsförderungen, soziale Absicherung, usw. sind etwa die Kriterien des ökonomischen Kampfes. In der Zweiten Republik hielt man allgemein den ÖGB für zuständig, doch es stellte sich immer wieder heraus, dass der auf seinem rechten Klumpfuß lahmte, d. h. auf seinem Bonzenstandbein, auf der Verhandlungsseite, also auf Seiten der Kapitalisten stehen blieb. In allen Gewerkschaften droht durch die Institutionalisierung des Kampfes, die freilich auch eine präventive Maßnahme gegen Aggressionsschläge des Gegners bedeuten kann, die Erstarrung in reiner Gefechtspose. Das stellt für die Gewerkschaften als Gefechtsformation eine große Gefahr dar, aber ohne Gewerkschaften geht es nicht! Entweder muss der ÖGB also grundlegend, und von unten, erneuert werden oder die Arbeiter(innen) müssen neue Gewerkschaften gründen. Es ist schon höchste Zeit!
Eine andere, der erstgenannten nicht entgegenstehende Form der Organisation ist eine höhere. Ein höheres Ziel erfordert eine höhere Organisation. Man kann nämlich mit den Gewerkschaften bis in alle Ewigkeit so weiter verfahren, dass sie mal diese mal jene Errungenschaft erkämpfen, aber das ökonomische Klein-Klein wird damit nicht aus der Welt geschaffen, dem Ausbeutungssystem wird kein entscheidender Sieg abgerungen, der Lebensstandard der Arbeiter(innen) wird hier steigen da fallen, und aus dem Rückzug des Feindes wird kein Kapital zerschlagen. Das höhere Ziel, das Ziel den ganzen Krieg zu gewinnen, das kapitalistische System zu zerschlagen, bedarf also der Organisation des ganzen Heerkörpers. Es genügt nicht, einmal für diese Branche, dann für eine andere, einmal für diese gesellschaftliche Schicht, dann wieder für eine weitere, einmal dieses dann ein anderes Zugeständnis dem Kapital abzuringen, wenn man das große Interesse der Beendigung der Ausbeutung nicht aus den Augen verlieren will. Die Organisierung des Proletariats und seiner Verbündeten, die das Ziel verfolgt, eine gesellschaftliche Umwälzung, sprich eine Revolution zu führen, die den menschenunwürdigen Zuständen ein Ende bereitet und den Ausbeutern und Unterdrückern den Garaus macht, muss in einer Partei sich ausdrücken. Sprich: Das Proletariat braucht eine Partei!

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Wer aber nicht herrschen will, muss sich der Herrschaft beugen! Die Arbeiter(innen) müssen bereits im Kampf lernen, Verantwortung zu übernehmen und die einzelnen Truppenteile zu führen. Ihr Ziel muss es sein die Kapitalherrschaft zu stürzen und selbst die Herrschaft zu übernehmen. Die Herrschaft über andere Menschen restlos zu beseitigen und die Herrschaft über die Produktion zu übernehmen, dies muss ihr erster und letzter Wille sein, soll das kapitalistische System überhaupt jemals beseitigt werden.
1914 bevölkerten die Donaumonarchie um die 53 Mio. Menschen, die meisten von ihnen waren Bauern/Bäuerinnen (viele landlos) und Arbeiter(innen) (viele brotlos). Die Bürgerlichen bestimmten indirekt über den geschaffenen kapitalistischen Markt schon das Schicksal des Landes, aber die politische Macht hatten sie noch nicht inne. Hoch über den Menschen thronte der Kaiser. Ein Thron, ca. 53 Mio. „Seelen“. In der bürgerlichen Gesellschaft hat sich das Herrschaftsverhältnis auch quantitativ verändert. Heute stehen für ca. 8,2 Mio. Einwohner(innen) 183 Parlamentssitze bereit. Die Herrschaftsverhältnisse haben sich also auch der reinen Form nach von 1:53 Mio. auf etwa 183:8 Mio. verändert. Was wir Arbeiter(innen) aber anstreben ist in letzter Konsequenz ein Verhältnis von annähernd 100%, und das nicht nur der Form nach. 100% des Privateigentums müssen enteignet, von den Arbeiter(inne)n vergesellschaftet werden, damit das Produkt der Arbeit jedem/jeder nach seinen/ihren Bedürfnissen zuteil wird und nicht den Eignern nach ihrem Besitz. Ein erster Schritt dazu wäre ein formales Herrschaftsverhältnis von beispielsweise 3 Mio. Ratspersonen zu fast 8 Mio. Nutznießer(inne)n der vergesellschafteten Produktionsmittel, ein paar Querulanten ausgenommen. Dieses Verhältnis entspräche ungefähr dem Verhältnis der derzeit in Österreich Beschäftigten zur derzeitigen österreichischen Gesamtbevölkerung. Dieser erste Schritt aber wäre ein wirklich revolutionärer Schritt, denn aus obiger Aufstellung ist leicht abzulesen, dass letztgenanntes Verhältnis den 100% so nahe ist, wie der sich auf See Befindende dem festen Lande, sobald er die ersten Küstenvögel erspäht.
Eine Partei, die mit den Arbeiter(innen) dieses Ziel erreichen will, muss also bestimmte Kriterien erfüllen und bestimmte Ansprüche an sich und ihre Mitglieder stellen. Diese revolutionäre Partei, von der wir sprechen, versammelt nicht jene in ihren Reihen, die es bequem haben wollen und ihre Aktivität mit dem Unterschreiben des Mitgliedsausweises erschöpft haben und dann nur noch auf den nächsten nicht ausgeschriebenen Posten warten. Ganz im Gegenteil: Dort finden sich Menschen, die sich ihrer Klasse (auch ohne Posten und Prestige – also nicht wie klass sie sind, sondern klassen-)bewusst sind und gemeinsam mit Gleichgesinnten, Genoss(inn)en den Kampf siegreich zu Ende zu führen bereit sind. Und das bedeutet gemeinsam arbeiten, lernen, handeln usw. und einig gestritten.
Die Partei hat die Aufgabe der Kritik und der Selbstkritik, kurz gesagt, der Fortentwicklung der Theorie von Strategie und Taktik des Klassenkampfes. Ohne Theorie geht’s nicht! Die Aufgabe einer revolutionären Partei ist es, die Theorie für die Massen bereitzuhalten und sie mit ihnen im Kampf auszuarbeiten. „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muss gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem [am Menschen] demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen.“2

III
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Vor bereits einem Jahrhundert hat sich in Österreich eine starke, revolutionäre Arbeiter(innen)bewegung formiert. Der Erste Mai, wie er heutzutage jährlich am Ring begangen wird, ist eine Art der Reminiszenz. Weil aber die geistige Elite der österreichischen Arbeiterbewegung (SDAPÖ, heute SPÖ) in ihrer Radikalität weit hinter der Bewegung selbst zurückblieb, wurde die Gründung einer neuen, revolutionären Partei (KPÖ) nötig. Teils der anfänglichen internen Orientierungsschwierigkeiten wegen, hauptsächlich aber der starken Verankerung der SDAPÖ innerhalb der österreichischen Arbeiter(innen)klasse wegen hatte die KPÖ einen schweren Start in der österreichischen Arbeiter(innen)klasse. Aber im Kampf gegen den Faschismus hat die KPÖ ihre Führungsrolle dem österreichischen Proletariat unter Beweis gestellt, während sich selbst der linke Flügel der SDAPÖ-Führung als unfähig erwies, das Proletariat im antifaschistischen Kampf anzuleiten, geschweige denn vorwärts zu treiben. Im Gegenteil gab die sozialdemokratische „Heeresleitung“ den antifaschistischen Kampf mit fliegenden Fahnen auf und ließ ihre Fußtruppen, die Armee zum Schutze der Demokratie, den Schutzbund, aus dem die KPÖ allerdings bereits 1924 ausgeschlossen worden war, im Stich. Dem rechten Flügel der sozialdemokratischen Führung schien später sogar der Anschluss an das Dritte Reich empfehlenswert. In der KPÖ aber entwickelte Alfred Klahr die damals einzigartige Theorie der österreichischen Nation. Die KPÖ also hielt die antifaschistische Fahne hoch und das ging auch an der sozialdemokratischen Basis nicht vorbei. Viele durch die Februarkämpfe 1934 radikalisierte und über die Untätigkeit der sozialdemokratischen Partei- und Schutzbundführung verbitterte Schutzbündler und Frauen näherten sich poltisch und ideologisch der KPÖ und viele suchten in der Sowjetunion ihr Exil.
Im antifaschistischen Kampf erwies sich also die KPÖ als die führende und theoretisch gewappnete Partei der österreichischen Arbeiter(innen)schaft. Dass dies bei den Jubiläen der Zweiten Republik stets totgeschwiegen wird, zeugt von System. Von bürgerlicher Seite will man natürlich nicht daran erinnern, dass die praktische und theoretische Grundsteinlegung der Zweiten Republik auf die Arbeiter(innen)klasse und die Kommunist(inn)en zurückgeht und so nimmt man lieber die Befreiung Österreichs durch die sowjetische Armee zum Ausgangspunkt von Österreich II, deutet „Befreiung“ aber in „Besatzung“ um. Bleibt uns, schaut man sich die Zweite Republik heute an, noch übrig zur Verteidigung der KPÖ vorzubringen, dass ihr, als sie den Grundstein legte, der fertige Bau der Zweiten Republik ganz anders vorschwebte.

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Heute, nachdem die KPÖ über fünfzig Jahre sowjetische Sozialismuskrise mit gelitten hat, wird sie der Bezeichnung „kommunistisch“ nicht mehr gerecht, versteht sich jedoch als antikapitalistisch, feministisch und internationalistisch. – Das ist die „marxistische Partei der Vielfalt“: Sie hat im Großen und Ganzen seit 1945 die Politik Moskaus mitgetragen, und hat sie bis zuletzt, bis zur Gorbatschow’schen Perestrojka mitgemacht. Stalins geniert man sich heute, benennt die Politik der seinerzeitigen Sowjetunion schwammig als „Fehler“ und überlässt es den Einzelnen zu entscheiden, was diese so genannten Fehler gewesen seien. Etliche Genossen der KPÖ sehen in Stalin nichts als einen Schwerverbrecher und Massenmörder. Das Dilemma der KPÖ ist offensichtlich: Man möchte Stalin und Genoss(inn)en gerne mit Hilfe der bürgerlichen Totalitarismustheorie, die in wissenschaftlich unzulässiger Weise das Hitlerregime mit dem „stalinistischen Terror“ gleichsetzt, ideologisch vernichten. Das kann man aber nicht, weil man sonst selbst als Partei keine Legitimität mehr besäße. Bleibt also, dass man die Umrisse der früheren eigenen Politik laviert. Lenin wird kaum noch erwähnt, sein Bildnis von vielen Genoss(inn)en im trauten Heim nostalgisch zum Altar dekoriert und nur Karl Marx ist immer noch ein Eckpfeiler in der politischen Diskussion, aber er verliert langsam seine scharfen Konturen. Sehr frei hält man sich an ihn: „‚Der Kommunismus ist für uns nicht ein einmalig gegebener Zustand, nicht ein Modell, an das sich die Wirklichkeit anzupassen habe. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, die die gegenwärtigen Zustände aufhebt.‘ (Deutsche Ideologie, MEW)“3 Wortwörtlich heißt es hingegen: „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.“4
Allein den Wortlaut zu beanstanden mag dogmatisch wirken und daher stellen wir die Frage, ob es denn auch im Sinne Marx’ und Engels’ sei, dass in einer sozialistischen Gesellschaft Privateigentum existiere. Erst die Antwort der KPÖ: „Sozialistisches Eigentum entsteht allerdings nicht einfach aus Verstaatlichung. Es ist gesellschaftliches Eigentum, das unterschiedliche rechtliche Formen annehmen kann (staatliches, kommunales, genossenschaftliches, ja selbst privates Eigentum, wenn es gesellschaftlichen Zielsetzungen dient).“5 Dagegen Engels: „Frage: Wird die Abschaffung des Privateigentums mit einem Schlage möglich sein? – Antwort: Nein, ebensowenig wie sich mit einem Schlage die schon bestehenden Produktivkräfte so weit werden vervielfältigen lassen, als zur Herstellung der Gemeinschaft nötig ist. Die aller Wahrscheinlichkeit nach eintretende Revolution des Proletariats wird also nur allmählich die jetzige Gesellschaft umgestalten und erst dann das Privateigentum abschaffen können, wenn die dazu nötige Masse von Produktionsmitteln geschaffen ist.“6 Ist es Letzteres, was die KPÖ, wenn sie es auch um Nuancen mit großen Folgen verschieden ausdrückt, wirklich meint? Will sie das Privateigentum abschaffen? Hat die KPÖ vielleicht gar aus der Geschichte gelernt? Nachdem man am Beispiel der Sowjetunion lernen konnte, dass Verstaatlichung allein noch kein sozialistisches Eigentum ausmacht, weil es auf die Verfügungsgewalt ankommt, will sich die KPÖ im Sozialismus des umgekehrten Tricks bedienen und das Privateigentum in seinem Recht belassen, aber Arbeiter(innen) werden die vergesellschaftete Verfügungsgewalt darüber ausüben? Oder glaubt sie an den Gorbatschow’schen Schwachsinn vom Sozialismus nach Marktmechanismus? Richtig, der Antikapitalismus der KPÖ ist reiner Anti-Neoliberalismus, nichts weiter. Da man aber lt. Politischer Plattform vom 33. Parteitag zur Sozialpartnerschaft auch nicht zurück will, weiß man kaum noch weiter: „Bislang haben ArbeiterInnen-, Frauenbewegungen und politische Linke keine ausreichende Antwort auf diese Offensive finden können.“7

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Was den Antikapitalismus betrifft ist die KPÖ also ratlos. Was den Feminismus betrifft, so ist er vielfach ein Lückenbüßer in der Politischen Plattform vom 33. Parteitag, aber daselbst so inhaltslos aufgepatzt, dass man die „Kundschaft“ der KPÖ unter den blassgrünen Bürgersfrauen des siebenten und achten Wiener Gemeindebezirks vermuten muss. Der Internationalismus der KPÖ kritisiert den Eurozentrismus der „Linken“, aber ihre Bündnisse orientiert sie an einem wichtigtuerischen Intellektuellenklüngel, das zunächst vielleicht noch wenig profitträchtige, aber desto stärkere Karrierewünsche aus Geltungssucht hat. Dass man die finanziellen Angelegenheiten der Partei nicht einmal den eigenen Parteimitgliedern jemals offen gelegt hat, deutet darauf hin, dass man selbst in der Leitung über die Gelder nicht viel mehr weiß als Verzetnitsch über die Streikgelder des ÖGB. – Aber natürlich, vergessen wir nicht, dass die KPÖ ihre Kapitale in diversen Osthandelsfirmen konzernartig sozialisiert hatte! Manche Treuhänder haben’s ja dann auch begriffen, das mit dem Widerspruch zwischen Eigentum und Verfügungsgewalt, und haben beides auf ihre Seite gebracht. Und weil die KPÖ in letzter Zeit schon so viele von ihnen vors bürgerliche Gericht gezerrt hat und sie ja auch selbst dort vorgeladen wurde, hat man im Umgang mit dem bürgerlichen Recht bereits so viel Erfahrung, dass man so nebenbei ein paar ehemalige Genoss(inn)en auf Millionen verklagt, einzig und allein, weil sie in der politischen Auseinandersetzung ihren Stand der Information preisgegeben haben, der da offensichtlich war, Walter Baier, der ehemalige Parteivorsitzende, habe auch Faschisten zu „seinen“ [gemeint ist „der KPÖ“] Geschäftspartnern gemacht.
Arbeiter(innen) scheint die KPÖ kaum noch ins Zentrum ihrer Politik zu rücken, viel eher sind es Hochschul- oder Universitätsprofessoren mit mehr christlichem sozialpolitischem Engagement und dementsprechend werden in der KPÖ Bündnispolitik kleinere linke Gruppierungen mit größerer Nähe zum Volk von den Kadern der KPÖ aufs Unhöflichste und selbstgefällig abgekanzelt. Die KPÖ rechnet es zu ihrer Absicht „revolutionäre Politik“ treiben zu wollen, aber ihre Argumentationen vermeiden jede Berührung mit der Frage der Gewalt- und Machtausübung. Eine Politik aber, die nicht auf die letztendliche Machtübernahme der Arbeiter(innen) abzielt, die sich damit begnügt die Profitorientierung des Kapitals zurückdrängen zu wollen, also streng genommen sich mit linker Sozialpolitik oder gewerkschaftlicher Politik bescheidet, kann nicht als revolutionär gesehen werden. Ein Sozialismus, der aus Mangel der Analyse der wirklichen Bewegungen in der Gesellschaft, des wirklichen Zustands die Möglichkeit einer anderen Welt entwirft, aber diese wirklich existierende Welt nicht erobern will, ist nicht radikal und nicht wirklich revolutionär. „Um den Gedanken des Privateigentums aufzuheben, dazu reicht der gedachte Kommunismus vollständig aus. Um das wirkliche Privateigentum aufzuheben, dazu gehört eine wirkliche kommunistische Aktion. Die Geschichte wird sie bringen, und jene Bewegung, die wir in Gedanken schon als eine sich selbst aufhebende wissen, wird in Wirklichkeit einen sehr rauhen und weitläufigen Prozeß durchmachen.“8
Aus diesem Prozess hat sich die KPÖ ausgeklinkt. Wer weiß, ob sie sich ihm je wieder stellen wird!


1 Karl Marx: Lohn, Preis, Profit. MEW 16, S. 147ff.
2 Karl Marx: Zur Kritik der Hegel’schen Rechtsphilosophie. Einleitung. MEW 1, S. 385
3 http://www.kpoe.at/bund/33parteitag/plattform.htm
4 Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. MEW 3, S. 35
5 http://www.kpoe.at/bund/33parteitag/plattform.htm
6 Friedrich Engels: Grundsätze des Kommunismus . MEW 4
7 http://www.kpoe.at/bund/33parteitag/plattform.htm
8 Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte. MEW Er-gänzungsband Schriften bis 1844 Erster Teil, S 553



Wir verbreiten unsere Flugblätter seit 1995 v.a. unter Arbeiter/innen der Großindustrie; seit 2001 geben wir die „Proletarische Rundschau“ heraus. Unser Ziel ist eine Gesellschaftsordnung ohne Klassen, ohne Unterdrückung und Ausbeutung. Dazu muss die Klasse der Arbeiterinnen und Arbeiter eine eigene Kampfpartei aufbauen, die Macht erobern, die Besitzer der Produktionsmittel enteignen und den Klassenkampf fortsetzen, bis alle Reste der bürgerlichen Ordnung verschwunden sind. Deswegen sind wir Kommunist/innen und nicht in der KPÖ organisiert.

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