Parteiaufbau-Erfahrungen in Österreich 2002-2007:

Fortschritte, Herausforderungen, Schwierigkeiten

 Im Folgenden geht es um die Einschätzung unserer Parteiaufbau-Arbeit in den letzten Jahren, genau genommen seit der Gründung der KOMAK-ML im Februar 2002 bzw. der Revolutionären Plattform, einer Koordination ihrer Vorläuferorganisationen, im Jahr 2000. Wir setzten uns damals den Zusammenschluss aller revolutionär kommunistischen Kräfte in Österreich als Ziel. Für uns war von vornherein klar, dass die nächsten Jahre  sehr schwierig sein würden, weil wir den Zusammenschluss aus einer sehr schwachen Position heraus anstrebten (und ein Teil der dama­ligen Organisation lehnte – ebenso wie die MLPÖ – den Zusammenschluss in dieser kon­kreten Situation überhaupt ab).

Die vergangenen Jahre haben praktisch gezeigt, dass auch die vorsichtigen Hoffnungen und Erwartungen in den Bereichen nicht erfüllt wurden, wo es wirklich um den Zusammenschluss ging.

Wir haben in diesen Jahren unsere Organisationstätigkeit auf mehrere Bundesländer ausge­dehnt, internationale Kontakte hergestellt, unsere programmatischen Grundlagen sowie Positionen zu wichtigen politischen Fragen ausgearbeitet usw. Aber die organisatorische Bündelung der Kräfte konnte nicht auf eine qualitativ höhere Stufe des Parteiaufbaus gehoben werden. Es war kein Zusammenschluss von drei Organisationen auf der gleichen Entwicklungs­stufe und wir haben uns allzu leichtfertig über das Problem hinweggesetzt, dass es in mehreren Fragen nur oberflächliche Übereinstimmung gab. Auch nach dem Zusammenschluss wurde kein entwickelter Linienkampf geführt. Stattdessen wurden bei der Formulierung von Positionen immer wieder zurückweichlerische Kompromisse beschlossen – aus dem einzigen Grund, das Zusammenwachsen nicht zu gefährden. Das war eine Illusion. Die seit über einem halben Jahrhundert akkumulierten theoretischen Defizite können nicht einfach ignoriert oder über­gangen werden. Die Stagnation der Theorie und des revolutionären Erkenntnisprozesses hat auch in unserer Organisation üble Auswirkungen gezeigt, die wir allerdings im Rahmen dieser Erklärung nicht weiter ausführen können.

Ohne auf innerorganisatorische Details näher einzugehen, möchten wir festhalten, dass weder eine demokratisch-zentralistische Organisationsstruktur noch verbindliche politische Positionen durchsetzbar waren. Schon bis 2005 war der Großteil der Gründungsmitglieder von 2 der 3 Organisationen wieder weg, ein anderer Teil hatte bis 2007 zumindest vorübergehend unsere Organisation verlassen.

Aus diesem Grund hat die 7. Konferenz der komak-ml Ende 2007 das Scheitern des Zusammen­schluss-Projekts festgestellt und (wie schon länger geplant) eine Änderung des Organisations­namens beschlossen. Der neue Name drückt jetzt klarer unsere Absicht aus: Initiative für den Aufbau einer Revolutionär Kommunistischen Partei.

Wir haben versucht, unsere Erfahrungen so allgemein zu formulieren, dass sie auch für außen­stehende Interessierte und aus dem aktuellen Zusammenhang herausgelöst verständlich sind. Deshalb haben wir auch möglichst alle konkreten Bezüge weggelassen.

 

1. Versuch über einige Schwierigkeiten

2006 haben wir als komak-ml „Thesen zum Verhältnis von Klassenkampf und Möglichkeiten des Parteiaufbaus“ beschlossen. Viele dieser Thesen hatten schon damals den Charakter von Appellen. Appelle an uns als Organisation und an unsere eigenen Genoss/innen, sich doch zusammenzunehmen, durchzuhalten.

Unser Hauptproblem bei der Entwicklung zu einer arbeitsfähigen, tragfähigen und einiger­maßen stabilen Gruppe, Organisation, Parteiaufbauorganisation … war und ist die Kader­bildung.

Wir gehen von der Erkenntnis des wissenschaftlichen Sozialismus, und damit der kommunisti­schen Weltbewegung aus, dass die Arbeiter/innenklasse eine kommunistische Partei braucht, um die sozialistische Revolution durchzuführen.

Diese Partei ist notwendigerweise keine „Massen“partei, sondern eine „Kader“partei; sie ist Avantgarde, hat die Aufgabe anzuleiten, voranzuschreiten, ausgerüstet mit Strategie und Taktik, mit Programm und Plan für die sozialistische Revolution. Die Partei gewinnt das Vertrauen der Massen der Arbeiter/innen in erster Linie im Kampf.

Weil Kommunist/innen bewusst ist, dass die Partei ein unabdingbar notwendiges Instrument ist, müssen sie, wenn es keine kommunistische Partei gibt, an dem Aufbau einer solchen arbeiten, zumindest Vorarbeiten dafür leisten.

Freilich ist die kommunistische Partei in erster Linie Mittel und Werkzeug, nicht Selbstzweck.

Sie ist vor der Revolution Werkzeug für den Klassenkampf, sie ist Mittel, um zur Revolution zu kommen, diese zu beginnen und die politische Macht zu übernehmen.

In Zeiten des Klassenkampfs auf nur sehr niedrigem Niveau gibt es ein Problem damit, dass der eigentliche Zweck der Partei (als Avantgarde voranzuschreiten) gar nicht zum Tragen kommen kann, wir können nicht direkt überprüfen, ob wir das Richtige machen. Wir könnten das Werk­zeug, selbst wenn wir in seinem Besitz wären (wir die Partei schon aufgebaut hätten, was nicht der Fall ist), derzeit nicht im Sinne seiner eigentlichen Bestimmung verwenden.

Klar, die Entwicklung von Bewegung und den notwendigen Organisationsformen verläuft dia­lektisch. Offensichtlich ist: Es gibt enge Zusammenhänge zwischen dem historischen Stand der gesellschaftlichen Entwicklung und den konkreten Möglichkeiten für den Parteiaufbau.

Doch eben weil es falsch ist, darauf zu warten, dass die Bewegung „sich entwickelt“, die sich dann Organisationsformen selbst und nebenbei schafft, stehen wir heute schon ganz konkret vor der Aufgabe des Parteiaufbaus. Spontan entsteht sie nämlich nicht, die kommunistische Partei. Ebenso wie die Arbeiter/innenklasse spontan nicht revolutionäres Bewusstsein entwickelt.

Also: Um zu wissen, ob ein Hammer tauglich ist, muss ich ihn verwenden, erst dann werde ich merken, ob er meinen Ansprüchen genügt oder nicht. Und umgekehrt: In einer Situation wie unserer, wo es keine kommunistische Partei gibt, die Arbeiter/innenklasse kein Werkzeug hat, um zur Revolution zu kommen, und die Klassenkämpfe nur auf sehr niedrigem Niveau statt­finden, stellt sich fast zwangsläufig die Frage, ob und inwieweit heute schon ein solches taug­liches Werkzeug für eine zukünftige, nur vorgestellte revolutionäre Situation entwickelt werden kann. Ein Werkzeug, das derzeit weder ausreichend ausprobiert, noch verfeinert und verbessert werden kann. Die Frage heißt, ob und inwieweit Parteiaufbau heute überhaupt möglich ist.

 

Wir meinen: Es ist möglich, zumindest Vorstellungen zu entwickeln, uns anzunähern an Form, Wirkweise und Anwendungsarten des nötigen Werkzeugs, unserer Partei, und es gibt Erfahrun­gen, die wir prüfen müssen und auf denen wir aufbauen können.

Wir befinden uns heute und hier in der misslichen Lage, dass sich die revolutionär-kommunisti­sche Bewegung international in einem äußerst schlechten Zustand befindet, dass es in Öster­reich keine kommunistische Partei gibt und dass dieses Gründe hat, die wir untersuchen müssen.

Wir wissen, dass die geschichtliche Entwicklung sowohl evolutionär als auch revolutionär ver­läuft. Sprunghafte Veränderungen sind Teil der Entwicklung. Aufgrund des Wissens, dass eine Partei notwendig ist, trachten wir, bestmöglich vorbereitet zu sein auf solche Situationen, wo sprunghafte Veränderungen stattfinden.

Sicher ist: Ohne Theorie und ohne Programmatik verläuft unsere Praxis ziel- und planlos. Doch auch die Theorie muss anhand der Praxis bestätigt, modifiziert und weiterentwickelt oder revi­diert und verworfen werden.

Es ist daher notwendig, immer wieder zu prüfen, ob unsere Theorie (und auch die eigenen An­sätze zu einer Weiterentwicklung der revolutionären Theorie) Stand hält, auch dem tatsäch­lichen Stand entspricht, oder aber nur voller Phrasen steckt, gar nicht gründlich genug durch­dacht ist, eigentlich bloße Wiedergabe von alten, als gesichert angenommenen Texten, in Wirklichkeit bloß abgeschrieben ist. Angebliche Unumstößlichkeiten gebetsmühlenartig zu wiederholen hat mit Theoriebildung sicher nichts zu tun. Das ist kein Aufruf, alles zu verwerfen, oder das Rad neu zu erfinden. Wir wissen um den reichen Schatz an Erfahrungen und Erkennt­nissen, den wir uns aneignen müssen. Auf dem wir aufbauen müssen und können. Den wir weiterentwickeln müssen. Aber wir sind heute angehalten, ja verpflichtet, die tiefe Niederlage der Arbeiter/innenbewegung endlich zur Kenntnis zu nehmen. Es kann nicht angehen, dass wir uns auf Dogmen verlassen. Wir müssen sie in Frage stellen.

Wir haben uns vorgenommen, möglichst gründlich umzugehen mit unserer Fähigkeit zur Analy­se und auch die Beschränktheit unserer Möglichkeiten, wirkliche nutzbare Ergebnisse zu erhal­ten, nicht aus den Augen zu verlieren.

Die anstehenden Fragen sind ernst und wir müssen sie ernst nehmen, zumal wir wissen, dass auch die letzten Parteiaufbau-Versuche, die der 1970er-Jahre Fehlschläge waren, (insofern die sozialistische Revolution mit ihrer Hilfe nicht in absehbarere Nähe gerückt ist). Ja eigentlich waren sie großteils nur mehr Abklatsch und Karikaturen der großen Arbeiter/innenparteien aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Diese Versuche sind unübersehbar nach dem Niedergang der Bewegungen, in deren Umkreis sie entstanden, zu sektenhaften Kleinstgruppen degeneriert und zum allergrößten Teil längst wieder verschwunden.

Wir halten daran fest, dass es möglich ist, auch heute schon, planmäßig eine arbeitsfähige Struktur (einen „Apparat“) aufzubauen. Und: Aufgrund der bisherigen Erfahrungen der Kämpfe der Arbeiter/innenklasse haben wir relativ konkrete Vorstellungen davon, wie diese Struktur notwendig ausschauen soll. Gleichzeitig müssen wir Acht geben und nicht vergessen, dass auch die Frage der Struktur eine der Praktikabilität und Zweckmäßigkeit ist und keine heilige Kuh. Konkret: Der demokratische Zentralismus ist äußerst praktisch und sinnvoll. Er kann aber auch zum Hindernis werden, etwa weil wir zu wenige sind, oder weil eine der Ebenen nicht funktioniert, und dann sollen wir uns andere Strukturen überlegen, solche, mit denen wir arbeiten können.

Verlässlichkeit ist für jeden politischen Zusammenschluss unabdingbar.

Ohne Verbindlichkeit in den Strukturen, ist demokratischer Zentralismus nie und nimmer verwirk­lichbar.

Jedoch: Jede Genossin, jeder Genosse ist dafür verantwortlich. Nicht die Leitung, schon gar nicht einzelne Personen allein. Nur dann, wenn es von unten nach oben funktioniert, kann der nötige Zentralismus fruchtbar sein.

Leuten, die an den Parteiaufbau gehen, muss unbedingt bewusst sein, worauf sie sich ein­lassen: nämlich auf eine zähe, langwierige und ziemlich umfassende Arbeit, die zum einen jede einzelne Person betrifft: vor jeder Genossin (und auch vor Personen männlichen Geschlechts) steht eine umfassende theoretische und praktische Ausbildung und stete ideologische Festi­gung, für die ständige bewusste Entwicklung zu einem möglichst umfassend fähigen Kader; zum anderen geht es um die Entwicklung der ganzen Organisation: inhaltlich-programmatisch und strukturell (unter anderem auch den Aufbau einer Struktur für die illegale Arbeit und die Arbeit unter repressiveren Bedingungen, sowie den Aufbau von Ortsgruppen usw.) und dabei auch um das Auftreten nach außen: Das heißt in einer Phase, wo die Partei noch keinen Masseneinfluss hat (aktuell also wahrscheinlich noch längere Zeit), geht es vorrangig um die revolutionäre Propaganda in unterschiedlichster Form, und Agitation zu aktuellen Anlässen und dann, wenn sich die Klassenkämpfe entwickeln, die Arbeiter/innen in Bewegung kommen, mehr und mehr, …

Das dauerhafte Gewinnen von Leuten, denen diese komplexen Notwendigkeiten bewusst sind und die zu all dem (und eigentlich viel mehr) bereit sind, ist heute zweifellos eines der größten Probleme für den revolutionär-kommunistischen Parteiaufbau. Denn die Konsequenz heißt: Richte dein Leben darauf ein, Revolutionär/in zu sein.

Dass junge Leute sich kurzfristig für etwas begeistern und sehr aktiv sind, sich dann aber fast ebenso rasch wieder mehr oder weniger zurückziehen, und etwas anderes machen, ist für uns kein Grund zum Jammern.

Auch dass ältere Leute, die Jahre und Jahrzehnte politisch aktiv sind, sich vom Parteiaufbau abwenden und endlich einmal privatisieren wollen, oder politisch resignieren ist nicht verwun­derlich, angesichts der tristen Lage. Auch die Verzettelung in Teilbereichen ist eine Erscheinung, die wir häufig beobachten. Aber unser Vorhaben ist tatsächlich ein umfassendes, wieso dann in Teilkämpfen das Ziel verlieren?

Wir sind umso mehr gefordert, unsere Arbeit weiterzumachen. Ohne Illusionen in allzu große persönliche Wirkmächtigkeiten.

Um an den Aufbau einer revolutionär kommunistischen Partei gehen zu können, sind also in erster Linie Kommunist/innen nötig, die dazu bereit sind, und Kommunist/innen zeichnet aus, dass sie nicht reformistische Vorstellungen haben, sondern von der Notwendigkeit und Möglich­keit der sozialistischen Revolution wirklich überzeugt sind, und eben auch bereit, dafür zu kämpfen.

 

Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts erlebte die kommunistische und Arbeiter/innen­bewegung einen ungeheuren und triumphalen Aufstieg. Einige anschließende Höhenflüge verdeckten lange, dass etwas im Argen lag. Wir als Revolutionär/innen stehen heute vor den Trümmern dieser Entwicklung. Ein gewaltiger Berg ist es und wir haben großen Scharfsinn und äußerste Klarsicht nötig, um zu sortieren und abzutragen, zu verwerfen, zu reparieren und aufzuheben.

Unter anderem müssen wir unbedingt dahinter kommen, wie es zu dieser schweren Niederlage der Arbeiter/innenbewegung kommen konnte.

Für unsere aktuelle Politik ist es auch wichtig herauszufinden, was von den erkämpften Errun­genschaften von Dauer und gesichert ist, welches Fehlentwicklungen und wirkliche Irrwege waren, die viele – und das nicht nur in Europa, sondern fast überall auf der Welt –  kapitulieren ließen vor der großen revolutionären Aufgabe und viele von uns auf immer neue Abwege des Reformismus und der Teilkämpfe stießen und stoßen.

War das große hauptsächliche Ergebnis des Kampfes unserer kommunistischen und revolutio­nären Vorkämpfer/innen im 20. Jahrhundert wirklich jenes, die konsequenteren Demokrat/innen zu sein? Sie haben held/innenhaft die bürgerliche Demokratie gegen den Faschismus erkämpft und über die Entwicklung der europäischen Gesellschaften zu bürgerlichen Demokratien ge­wacht, oft genug immer noch bekämpft, verleugnet, nicht ernst genommen. Danach sind sie abgetreten, verschwunden, als wäre ihre Aufgabe erfüllt. – Wenn nicht als Personen, so als Ver­körperung des revolutionären Gedankens.

Wie unglaublich weit war dieses Ergebnis von ihren, von unseren kommunistischen, revolutio­nären Vorstellungen, Hoffnungen und Erwartungen entfernt.

Zunehmend durchdrang der Reformismus jede mögliche Handlung, und die Vorstellung, dass eine neue, grundsätzlich andere Gesellschaft zu errichten sei, verlor sich in ihm.

Auch unzählige individuelle Biographien sind derart verlaufen, Generation für Generation, wir wissen das; und die Bourgeoisie kann frohlocken, sie bekommt kluge Köpfe frei Haus.

Sowohl die unterschiedlichen Versuche auf staatlicher Ebene – der Beginn der Errichtung von Gesellschaften mit sozialistischen Zügen – erlitten Niederlagen, wie auch die kommunistischen Parteien, Bewegungen und Einzelpersonen in den – auch so deklarierten – kapitalistischen Län­dern. So die Revolution, die revolutionäre Bewegung, der gesamte revolutionäre Welt­prozess.

Zahlreiche soziale und demokratische Rechte verdankten die Arbeiter/innen in „Westeuropa“ hauptsächlich der so genannten Systemkonkurrenz. Aktuell hat die Bourgeoisie derartige Zuge­ständnisse nicht notwendig, ihr Gutdünken und die Konjunktur bestimmen über die Geschicke der fast kampflos ergebenen Klasse.

Die wirklichen Unterschiede zwischen den Gesellschaften in Ost und West (-Europa, wohlge­merkt!) bestanden oft nur in Nuancen.

Wir erkennen: Die Entwicklungen verliefen im Wesentlichen parallel.

Die Niederlage der Arbeiter/innenbewegung ist wirklich umfassend. Heute geht es nicht um Korrekturen hier und da, sondern um einen Neubeginn!

Eine der fundamentalsten und der sicher bleibenden Erkenntnisse war, ist, wird sein: ohne Revo­lution, ohne Zerschlagung und völlige Umwälzung des Alten und ohne Eroberung der politi­schen Macht, kein Aufbau des Neuen, keine Möglichkeit für dauerhafte, qualitative Verände­rungen. Dafür wiederum benötigt die Arbeiter/innenklasse eine Vorhut-Partei, wovon uns Lenin in Theorie und Praxis überzeugt hat.

Noch niemals war Dogmatismus etwas anderes als Erstarrung. Doch tut es Not, wach zu sein. Die Welt braucht sozialistische Revolutionen und wir brauchen eine Partei. Wir wissen, dass wir keine Rezepte besitzen, sondern, im Gegenteil und notwendigerweise, auf alte Dogmen verzichten werden. Bloß keine neuen Unumstößlichkeiten zulassen!

Uns ist auch das Unmoderne unseres Ansinnens bewusst. Umfassende Entwürfe sind nicht ge­fragt. Und das schon seit Jahrzehnten. Der Eklektizismus treibt arge Blüten, doch sie riechen nicht einmal gut.

Wir wollen uns nicht verlieren in Teilbereichskämpfen. Es muss ums Ganze gehen. Wir haben beschlossen, wir wollen den Versuch wagen. Wir wollen Grundsteine für eine neue Partei legen.

Die komak-ml war dazu ein Anlauf, nicht der erste, nicht der letzte. Drei Gruppen haben sich damals zusammengeschlossen mit dem Willen, dieses Vorhaben voranzubringen.

Wir sagen heute: Dieser Zusammenschluss ist gescheitert. Aus verschiedenen Gründen. Wir nehmen uns nicht so wichtig zu meinen, dass alle davon verallgemeinerbar wären. Doch einige, so meinen wir, sehr wohl.

2. Revolutionäre Linie und Rechtsopportunismus

In Zeiten schwach entwickelter Klassenkämpfe und politischer Ebbe wird jede revolutionär kommunistische Gruppe sich zuallererst auf die Propaganda konzentrieren müssen.

Für eine kleine Gruppe von theoretisch geschulten Kommunist/innen mit einiger praktischer Erfahrung ist es nicht allzu schwer, auch über Jahre hinweg die gesamte Arbeit auf prinzipielle und theoretische Stellungnahmen und propagandistische Aktivitäten auszurichten. Alle, die hinsichtlich dem praktischen Auftreten andere Vorstellungen haben, werden (von vorn herein oder nach kurzer Zeit) abgestoßen.

In der „positiveren“ Variante wird die revolutionär kommunistische Theorie durch Studium klassi­scher Schriften und aktueller bürgerlicher Werke sogar weiter entwickelt und in Teilbereichen auf einen aktuellen Stand gebracht. So kann sie als Grundlage für ein revolutionäres Engreifen anderer Gruppen für wirklich stattfindende Klassenbewegungen nutzbar gemacht werden.

In der „negativeren“ Variante werden vorrangig bloß Zitate aus kommunistischen Schriften vergangener Jahrhunderte passend aneinander gereiht und abschließend festgestellt, dass schon MELS usw. festgestellt haben, dass nur die proletarische Revolution eine wirkliche Verän­derung bringen kann.

Beide Extreme sind Varianten einer reinen und ausschließlichen Propagandatätigkeit einer Gruppe, die sich dem revolutionären Kommunismus verbunden fühlt – und beide Formen finden sich auch in Österreich zumindest als Tendenz seit Jahrzehnten.

Sobald eine solche Gruppe versucht, „Politik zu machen“, d.h. in reale Bewegungen (mit Betei­ligung) der Arbeiter/innenklasse einzugreifen, um maßgeblichen Einfluss zu erlangen, tauchen verschiedene Gefahren auf. Bei reiner Propagandatätigkeit sind diese Gefahren des „linken“ und rechten Opportunismus im Hintergrund, weil ja keine wirkliche Auseinandersetzung mit den Aktivist/innen einer Bewegung und ihrer Praxis gesucht wird. Im Wesentlichen wird „Wissen verkündet“, sei es in Publikationen oder auch auf Transparenten und in Sprechchören.

Die Probleme beginnen meist bei der Formulierung konkreter Forderungen und politischer Stellungnahmen zu aktuellen Anlässen und in Auseinandersetzungen mit führenden Vertre­ter/innen einer Bewegung, z.B. bei Aktionseinheiten.

Ziel des Eingreifens einer revolutionär kommunistischen Gruppe in wirkliche Bewegungen der Arbeiter/innenklasse (und ihrer Verbündeten) muss es sein, Teile der Bewegung hinter revolutio­nären Parolen zusammenzuschließen, d.h. einen Blick zustande zu bringen, der über eine prinzi­pienfeste Haltung zum Tagesereignis hinaus die Perspektive der proletarischen Revolution (direkt oder indirekt) vertritt.

In diesem Zusammenhang wäre es heute eine linke Abweichung, die Propaganda für die Re­volution so stark in den Vordergrund zu stellen, dass der konkrete Kampf und Anlass für die Demo völlig in den Hintergrund rückt. So können dann auch nicht die klassenbewusstesten Elemente im Kampf auf die Seite des Kommunismus gezogen werden. Konkret: Eine Person, die bereits mit dem Kommunismus irgendwie sympathisiert, sich persönlich aber insbesondere im Kampf gegen den EU-Imperialismus  engagiert, kann nicht für den revolutionären Kommunis­mus gewonnen werden, wenn die RK in ihrem ganzen Auftreten (z.B. als Block auf der Demo und im Flugblatt) signalisieren: Was schert uns der Teilkampf gegen die EU, wir wollen die Diktatur des Proletariats! So ein Auftreten schadet jedenfalls dem Parteiaufbau.

Es kommt allerdings immer wieder vor, dass Personen, die über lange Zeit so eine Haltung kultiviert haben, schließlich ins andere Extrem umschwenken.

Denn viel verbreiteter und einflussreicher als linke Abweichungen sind in Österreich heute die verschiedenen Formen des Rechtsopportunismus, der durch den kleinbürgerlichen und arbei­teraristokratischen Einfluss in (fast?) allen Bewegungen vorherrscht. Da Strömungen des radika­lisierten Kleinbürgertums immer auch auf die Arbeiter/innenbewegung und auf kommunistische Organisationen einwirken, dringt der Rechtsopportunismus auch in revolutionär kommunistische Gruppen ein. In der heutigen Situation ohne RKP, wo das Hauptkettenglied der revolutionär kommunistische Parteiaufbau ist, zeigt sich der Rechtopportunismus am deutlichsten in dieser Frage des Parteiaufbau selbst: Eine Partei wäre unbedingt notwendig, aber der Parteiaufbau gehe heute praktisch nicht. Die Bedingungen seien noch nicht reif, deshalb müssten verschie­dene Umwege versucht werden, die (auf längere Sicht) zu einer Partei führen usw.

Häufig entsteht der Rechtsopportunismus aus einem permanenten Anbiedern an das niedrige Bewusstsein der Aktivist/innen der „sozialen Bewegung“ oder der „durchschnittlichen Arbei­ter/innen“. Statt sich bewusst und gezielt an einzelne weiter fortgeschrittene, klassenkämpferi­sche Personen zu wenden, orientiert sich die rechtsopportunistische AgitProp an der Masse. Gleichzeitig wird bedauert, dass die Massen so lethargisch und inaktiv sind, was als Konsequenz dann zu einer noch seichteren AgitProp führt, weit weg von jedem kommunistischen Anliegen.

Diese Haltung entspringt natürlich nicht der Dummheit oder dem bösen Willen einzelner Ge­noss/innen oder ganzer Gruppen, sondern ist auf den permanenten Druck der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Ideologie zurückzuführen, mit dem jedes Mitglied und jede Aktivist/in konfrontiert sind und zum Rechtsopportunismus als einfachen Ausweg, dem Druck auszu­weichen, drängt.

Simpel gesagt ist alles eine rechte Abweichung, wo die Perspektive der proletarischen Revolution – der Zweck unseres Zusammenschlusses als RK Parteiaufbauorganisation – nicht mehr sichtbar ist.

Das Problem der korrekten Ausrichtung in Teilkämpfen stellt sich in entwickelteren Klassen­kampfsituationen anders, wenn es eine gefestigte RKP gibt und verschiedene Vorfeld­organi­sationen und Komitees, die von der Partei im Tageskampf angeleitet werden. Heute in Österreich, wo wochen- und monatelang keinerlei Klassenkampfaktionen stattfinden bzw. bekannt werden und wo es keine RKP gibt, muss jedes geplante Auftreten einer RK Gruppe auch dazu dienen, die revolutionäre Perspektive zu entwickeln, gerade die klassenbewusstes­ten Elemente noch einen Schritt weiter zu bringen. Andernfalls kann von Parteiaufbau keine Rede sein.

Wenn eine fortgeschrittene Arbeiterin zu einem Flugblatt von uns sagt: Das zeigt wirklich gut die empörende Situation, aber ich kenn das eigentlich eh schon aus der Zeitung von SOS-Mit­mensch oder dem GLB, dann passt wahrscheinlich was nicht an der Ausrichtung des Flugblatts.

3. Revisionistischer Druck und Liquidatorentum

Heutzutage gibt es in einem imperialistischen Land wie Österreich unterschiedliche Kräfte, die an jeder Person zerren, die sich zum revolutionären Kommunismus bekennt und eine entspre­chende Politik zu machen versucht:

In erster Linie und täglich, stündlich bist du mit der bürgerlichen Ideologie konfrontiert, die dir ins Gesicht sagt, dass erstens der Kommunismus gescheitert ist, zweitens der Kommunismus keine Perspektive hat, und drittens der Kommunismus im historischen Rückblick nur unnötiges Leid und Elend über die Menschen gebracht hat. Jeder Mensch, der politische Diskussionen führt, die über die reine Besprechung von Tagesereignissen hinausgehen, unterliegt diesem perma­nenten Druck.

Abgeleitet davon gibt es heute zwei hauptsächliche Formen von Revisionismus, das heißt Ab­kehr vom revolutionären Kommunismus, die beide auf Reformismus hinauslaufen, auch wenn die Betreffenden den Reformismus-Vorwurf empört zurückweisen, weil sie ja subjektiv „die Revo­lution“ herbeisehnen, eine total andere Gesellschaft wünschen.

Das eine ist der „Parteiaufbau von unten in kleinen Schritten“ das andere ist der „Partikularis­mus“.

In einer Situation, wo es in einem Land keine revolutionär kommunistischen Gruppen gibt, ist es die Aufgabe jeder einzelnen kommunistisch orientierten Person, eine Gruppe zu schaffen und zu festigen, die als Kern für den Aufbau einer Revolutionär Kommunistischen Partei alle diejeni­gen Aufgaben in Angriff nimmt, die jedenfalls gemacht werden müssen. Abhängig von der Zahl und den Fähigkeiten der Handvoll Genoss/innen muss auf alle Fälle der Schwerpunkt und der Großteil der Aktivitäten dem Aufbau eines Zentrums dienen.

Dazu ist die Herausgabe und Verbreitung von propagandistischen Schriften (und nach Mög­lichkeit politischen Stellungnahmen zu herausragenden Ereignissen) ebenso notwendig wie eine Kontaktmöglichkeit zu diesem Zentrum.

Dazu sind ausführliche und geduldige Gespräche mit Sympathisierenden ebenso notwendig wie die Teilnahme an bedeutenden Massenaktionen der Arbeiter/innenklasse und anderen Teilen des Volkes.

Dazu ist das systematische Studium sowie die Anwendung und Weiterentwicklung des wissen­schaftlichen Kommunismus auf die konkrete Situation des Landes und die Ausarbeitung pro­grammatischer Grundlagen ebenso notwendig wie die Organisierung von Schulungszirkeln und Theoriedebatten mit der Konzentration auf politisch nahe Stehende.

Dazu ist die Kontaktaufnahme mit revolutionär kommunistischen Parteien und Organisationen in anderen Ländern ebenso notwendig wie die zu antiimperialistischen Organisationen in Län­dern, in denen der eigene Imperialismus eine bedeutende Rolle bei der Unterdrückung und Ausplünderung der dortigen Volksmassen spielt.

Alle diese Aufgaben können auch von einer Hand voll revolutionärer Kommunist/innen jeder­zeit zumindest in kleinem Umfang angepackt werden. Wenn die Kräfte richtig eingeteilt werden können in jedem dieser Bereiche langfristig kleinere Fortschritte erzielt werden, ohne einen dieser Bereiche zu vernachlässigen. Wichtig ist dabei, immer das Ziel einer wirklichen Kampfpartei vor Augen zu haben und vor allem solche Schwerpunkte setzen, um diesem Ziel näher zu kommen, d.h. die gestellten Aufgaben immer besser und umfangreicher zu erfüllen.

Die Vertreter/innen des „Parteiaufbaus von unten in kleinen Schritten“ haben auch das Bild einer fertigen Kommunistischen Partei im Kopf. Aber sie setzen ihre Aktivitäten so, als ob diese Partei schon existiere. Sie nehmen wahllos zu allen möglichen aktuellen Ereignissen vom kom­munistischen Standpunkt aus Stellung, oder arbeiten in allen möglichen Aktionseinheiten mit, oder basteln an Betriebsaufbauzellen und Vorfeldorganisationen, oder verbreiten Stellung­nahmen kommunistischer Organisationen anderer Länder usw. – so als ob es im eigenen Land schon einen revolutionär kommunistischen Kern (oder gar eine Parteiorganisation) gebe.

Der systematische Aufbau des Gerüsts der Parteiaufbauorganisation auf ideologischer, theore­tischer und organisatorischer Ebene ist ihnen unwichtig und sie können jahrelang als Kommunis­tinnen dahin handwerkeln, ohne irgend etwas bleibendes, dauerhaftes zu Stande zu bringen. Das Versinken in die „tagtägliche Kleinarbeit des Parteiaufbaus“ führt zu kleinbürgerlichen Haltungen in politischen und organisatorischen Fragen, zu Rechtsopportunismus und Revisio­nismus, weil das Ganze, d.h. die konkrete Aufgabe der Schaffung einer Parteiorganisation immer weiter verschoben wird. In der heutigen Situation bringt es nichts, auf die Entstehung weiterer kommunistischer Zirkel zu warten und zu hoffen, um dann den Parteiaufbau leichter zustande zu bringen. Bis der nächste kommunistische Zirkel – bei derart schwach entwickelten Klassenkämpfen – entstanden ist, ist der erste Zirkel schon wieder längst politisch versumpft.

Eine besondere Ausprägung dieser handwerklerischen Haltung innerhalb einer Kommunisti­schen Organisation drückt sich in der Weigerung aus, Verantwortlichkeiten zu übernehmen, oder auch nur planmäßig und verbindlich Teilaufgaben zu übernehmen und selbstständig für ihre Umsetzung zu sorgen. Es gibt Genoss/innen, die in ihrer Selbstbeschränkung so weit gehen, auch nach langer Mitgliedschaft möglichst immer nur Aufgaben unter der Anleitung anderer zu übernehmen, sich jeder planmäßigen Aufteilung der Kräfte der Organisation zu widersetzen und immer nur „Hilfsdienste“ zu übernehmen. Hinsichtlich der notwendigen Kaderentwicklung ist das eine verheerende Haltung und steht der Entfaltung des demokratischen Zentralismus direkt entgegen. Als „einfache Mitglieder“ fordern sie, von der Zellenleitung oder Ortsleitung bei jedem Schritt „angeleitet“ bzw. betreut oder überzeugt zu werden. Sobald sie in eine leiten­de Funktion gewählt wurden, betonen und verlangen sie die „Selbstständigkeit“ der Arbeit aller Genoss/innen, die „Entfaltung der Initiative von unten“ usw. In jedem Fall sabotieren sie die planmäßige Arbeit und den systematischen Parteiaufbau im Rahmen eines erarbeiteten und ständig weiter entwickelten Gesamtkonzepts.

Eine andere Möglichkeit, „kommunistische Politik zu machen“ ohne nachhaltig was weiter zu bringen ist der Partikularismus, die ausschließliche Konzentration auf einen bestimmten Teil­bereich, auf eine bestimmte Frage des Klassenkampfs, auf eine Erscheinungsform der Wider­sprüche im Imperialismus.

Revolutionäre Kommunist/innen müssen – entsprechend ihren Kräften – planmäßig an verschie­denen Kampffronten der Arbeiter/innenklasse und in verschiedenen Sektoren der Volksmassen aktiv werden. Sobald es die Kräfte erlauben, müssen gleichzeitig verschiedene Aktivitäten in Angriff genommen werden, ohne die Hauptaufgaben im Parteiaufbau zu vernachlässigen – und auf jeden Fall systematisch und als Teil eines Gesamtplans.

In jeder etwas entwickelteren Klassenkampfsituation werden neue revolutionäre Kräfte wahr­scheinlich in konkreten Kämpfen und über die systematische Arbeit der Partei im jeweiligen Bereich schon lange vor dem Ausbruch dieser Kämpfe und auch in der Zeit nach dem Ende dieser Kämpfe gewonnen werden. Das kann der langfristige Kampf auf gewerkschaftlicher Ebene oder der Kampf  gegen Demokratie-Abbau oder Kürzung der Sozialleistungen sein, der Kampf für Frauenbefreiung oder gegen imperialistische Kriege usw.

Wenn Kommunist/innen sich darauf beschränken, in einer dieser Fragen aktiv zu werden, sich auf einen dieser Bereiche zu konzentrieren und alle anderen Fragen des Klassenkampfs und der Revolution aus dem Auge zu verlieren, dann kann der notwendige Aufbau einer Partei keine Fortschritte machen.

Eine besondere Form dieses Partikularismus, der „ehrliche kommunistische Gesinnung“ mit Liqui­datorentum verbindet, ist die Fixierung auf die Revolution in einem anderen Land. Auch eine noch so aufopferungsvolle Hingabe und materielle und physische Einsatzbereitschaft für den revolutionären Kampf in einem anderen Land als in dem du lebst und arbeitest, bedeutet Liquidatorentum. Denn dort, wo du als Kommunist/in wirklich, ganz real was weiter bringen könntest, wo jede deiner Aktivitäten – sofern sie nach einem sinnvollen Gesamtplan für den Parteiaufbau erfolgen – einen kleinen Schritt weiter bedeuten, macht du keine oder nur äußerst beschränkte Beiträge, schließt du dich nicht wirklich mit den Genoss/innen zusammen, die die Revolution in diesem Land vorantreiben versuchen, das deinen Lebensmittelpunkt darstellst.

Revisionistische und reformistische Auffassungen sind leichter vereinbar mit den Alltagsbezie­hungen in unserer Gesellschaft. Und auch die Konzentration der „revolutionären Arbeit“ auf einen einzigen exklusiven Bereich wird von „den Freund/innen und Bekannten“ leichter akzep­tiert als der Versuch, in allen Lebensbereichen eine revolutionäre Haltung einzunehmen.

Nur der bewusste und kollektive Kampf gegen Rechtsopportunismus in den eigenen Reihen kann die Organisation politisch stabilisieren und damit dem Liquidatorentum, das den Aufbau einer RKP hintertreibt, erfolgreich entgegentreten.

4. Probleme im multinationalen Parteiaufbau

 

Wenn sich große Gruppen von revolutionär gesinnten Arbeiter/innen hauptsächlich auf fremde Länder orientieren, ist das natürlich nicht nur schlecht für die politische Entwicklung in dem be­troffenen Land, wo sie leben und arbeiten. Es schadet auch der Entwicklung der Revolutionär-Kommunistischen Weltbewegung insgesamt, denn am meisten bringt du als revolutionärer Kommunist und Kommunistin dort weiter, wo du direkt in den Klassenkampf eingreifen kannst, wo du lebst und arbeitest. Solche Formen von „revolutionärer Untätigkeit im eigenen Land bei gleichzeitiger Hingabe für den revolutionären Kampf in einem anderen“ gibt es nicht nur bei Arbeitsmigrant/innen, sondern allgemein bei revolutionär Gesinnten.

Wenn wir uns in Österreich die Leute anschauen, die (zumindest subjektiv) einen starken Hang zur sozialistischen Revolution haben und sich auch mit revolutionär kommunistischer Literatur vertraut gemacht haben oder deren Inhalte zumindest ansatzweise vertreten, stellt sich heraus, dass auch unter denen ohne Migrant/innen-Rucksack die Beschäftigung mit Revolutionen in fernen Ländern (z.B. Venezuela, Bolivien) bedeutend intensiver ist, als mit Fragen der Revolution in Österreich.

So sind revolutionäre Migrant/innen, wenn sie nach Österreich kommen, mit einer Situation konfrontiert, wo diejenigen, die sich mit dem Klassenkampf in Österreich beschäftigen, fast durchwegs Reformisten aller Spielarten und schlimmeres sind, während sich die wenigen Revo­lutionär/innen vorwiegend mit Venezuela, Kolumbien, Kurdistan, Türkei, Baskenland oder sonst was beschäftigen. Jedenfalls wissen sie wenig über die Klassenverhältnisse in Österreich Bescheid und haben keine Ahnung, wie die revolutionäre Bewegung in Österreich Fortschritte machen soll.

Es ist sicher sinnvoll und notwendig, bei der Entwicklung der politischen Linie (bzw. ihrer Korrektur im Zwei-Linien-Kampf) die Erfahrungen anderer kommunistischer Organisationen in die Diskus­sion einzubringen. Das machen wir bei bestimmten Themen planmäßig und systematisch z.B. durch das Studium der Positionen der Komintern und der KPÖ (insbesondere aus den 1920er und 1930er Jahren), der KP China und MLPÖ (insbesondere in den 1960er und 1970er Jahren) usw. Darüber hinaus studieren und diskutieren wir (weniger systematisch) Erklärungen und Einschätzungen heutiger internationaler kommunistischer Vereinigungen wie der RIM (Revolu­tionäre Internationalistische Bewegung) oder der ICMLPO (Internationale Konferenz marxistisch-leninistischer Parteien und Organisationen) und ihrer führenden Parteien, sowie anderer Par­teien und Organisationen zu denen wir Kontakt haben.

Es ist auch zu begrüßen, dass sich einzelne Genoss/innen oder Gruppen von Genoss/innen intensiver mit den Erfahrungen und der politischen Linie bestimmter revolutionär-kommunis­tischer Parteien in anderen Ländern auseinandersetzen, um deren Positionen zu bestimmten Fragen in unserer Organisation zur Diskussion zu stellen. Das belebt und vertieft die Auseinan­dersetzung um die richtige politische Linie und führt zu klareren Positionen – insbesondere in einer Situation so schwach entwickelter Klassenkämpfe und politischer Debatten wie im heu­tigen Österreich.

Es gibt dabei aber auch die Gefahr, dass bestimmte Analysen und konkrete Erfahrungen aus anderen Ländern unreflektiert und schematisch auf Österreich übertragen werden. Diese schädliche Haltung, Positionen einfach zu übernehmen, statt den eigenen Kopf zu gebrau­chen, ist aus der revolutionären Bewegung seit langem bekannt. Bei kleineren Organisationen kann dieses Problem auch in der Form auftauchen, dass Migrant/innen aus demselben Her­kunftsland sich in verschiedenen Fragen stärker an den Positionen einer Partei ihres Herkunfts­landes orientieren als an denen ihrer eigenen Organisation. Das hängt neben eventuellen emotionalen Bindungen vor allem damit zusammen, dass sie sich mit den Verhältnissen in ihrem Herkunftsland über Jahre (oft Jahrzehnte) hinweg weitaus besser vertraut gemacht haben als mit denen des Landes, in dem sie seit Jahren und Jahrzehnten leben und arbeiten. Es grenzt jedenfalls an Selbstbetrug und Realitätsverlust, wenn Arbeitsmigrant/innen seit 10 und mehr Jahren in Österreich leben und arbeiten, aber immer noch keinen Bezug zum Klassenkampf in Österreich haben und ihr politisches Leben völlig an einer Partei ihres Geburtslandes ausrichten.

Es soll nicht behauptet werden, dass von einzelnen Migrant/innen nur deswegen die politischen Positionen einer bestimmten Partei ihres Herkunftslandes vertreten werden, weil sie deren Positi­onen besser kennen (nämlich in ihrer Muttersprache gelesen und erläutert bekommen haben), während sie mit den deutschsprachigen Ausführungen in den Zeitungen ihrer eigenen Organi­sation sprachliche Schwierigkeiten haben. Aber diese Seite des Problems spielt sicher auch keine unwichtige Rolle – neben der Hauptfrage der grundsätzlichen Orientierung auf die Revo­lution im Land des materiellen Lebensmittelpunktes.

Der Proletarische Internationalismus ist eine unbedingt notwendige Haltung und Pflicht aller Re­volutionär/innen. Aber das bedeutet nach Lenin gerade nicht, die Tätigkeit auf eine Revolution in fernen Ländern auszurichten, sondern eine hingebungsvolle Arbeit für die Revolution im eige­nen Land – denn hier steht der Hauptfeind. Aus diesem Grund ist die Tätigkeit für die Revolution im eigenen Land das Hauptkettenglied der gesamten politischen Arbeit revolutionärer Kommu­nist/innen (außer es handelt sich um gezielt von der Partei  ins Ausland geschickte Kader für spezielle Aufgaben).

Im Zusammenhang mit bestimmten Positionen der Drei-Welten-Theorie, vor allem dass die Sturmzentren der Weltrevolution auf längere Sicht ausschließlich in den neokolonial abhängi­gen Länder zu finden seien, hat sich eine Revolutionstheorie und Parteiaufbau-Theorie mit fal­scher Schlagseite herausgebildet. Das geht so weit, dass manche revolutionär kommunisti­schen Parteien aus den Neokolonien offen vertreten, dass eine Revolution in den entwickelten imperialistischen Ländern auf absehbare Zeit nicht möglich sei. Deshalb müssten sich die Kom­munist/innen dieser Länder hauptsächlich auf die Unterstützung der Revolutionen in bestimm­ten internationalen Sturmzentren der Weltrevolution konzentrieren.

Davon abgeleitet folgern sie für den Parteiaufbau in den entwickelten kapitalistischen Ländern, dass diesem jedenfalls weniger Gewicht eingeräumt werden solle als dem Aufbau von revo­lutionären antiimperialistischen Solidaritätsbewegungen und entsprechenden Organisationen in möglichst vielen imperialistischen  Ländern.

Die Haltung, sich in einem beliebigen Land als Abteilung der Revolutionär Kommunistischen Weltbewegung getrennt von den Hauptaufgaben des Klassenkampfs in diesem Land zu organisieren, halten wir für grundsätzlich falsch. Demgegenüber betonen wir, dass es die Aufgabe aller Kommunist/innen ist, sich als Teil der Vorhut der revolutionären Bewegung des jeweiligen Landes zu organisieren, wo der materielle Lebensmittelpunkt ist. Das bedeutet gleichzeitig, sich hauptsächlich auf die Vorbereitung der proletarischen Revolution in diesem Land, wo wer lebt und arbeitet, zu konzentrieren – unabhängig von Geburtsort und Mutter­sprache.

Wir orientieren uns auf den Aufbau einer revolutionär kommunistischen Partei mit Mitgliedern verschiedener Nationalitäten durch den Zusammenschluss aller revolutionären Kommunist/in­nen, die in Österreich leben und arbeiten,  in einer einzigen Parteiaufbau-Organisation.

Selbstverständlich ergibt sich daraus auch die Notwendigkeit, die Agitation und Propaganda auch in den wichtigsten Sprachen der Arbeitsmigrant/innen zu betreiben und allenfalls in verschiedenen Zellen der Partei zweisprachig oder notfalls sogar nur in einer Fremdsprache zu arbeiten. Die Erfahrungen aus den Zeiten der Komintern zeigen, dass diese Art von multinatio­naler Zusammenfassung in einer Partei möglich ist, wenngleich es in der heutigen Zeit der Zer­splitterung der internationalen revolutionär-kommunistischen Bewegung bedeutend schwie­riger umzusetzen ist.

5. Parteiaufbau in einer Situation schwach entwickelter Klassenkämpfe und die Bedeutung der Jugendorganisation

Immer wieder geraten Menschen aus der Arbeiter/innenklasse, aber auch aus den klein­bürger­lichen Schichten, insbesondere Jugendliche, in Widerspruch zu den konkreten Verhältnissen und Entwicklungen im Imperialismus. Die offensichtlichen Möglichkeiten einer Gesellschaft, wo alle in relativem Wohlstand und ohne Unterdrückung, Ausbeutung, Hunger und Krieg leben könnten und der Widerspruch zur realen Situation sowohl in Österreich als noch viel mehr welt­weit treiben zum Widerstand und zur Rebellion. Besonders Jugendliche aus Migrant/innen-Familien spüren die Feindlichkeit des kapitalistischen Systems gegen die Arbeiter/innenklasse stärker – sowohl ökonomisch als auch politisch oder kulturell. Sie werden aber durch die traditio­nellen Jugendorganisationen weniger angesprochen.

So entstehen spontan immer wieder kleine Zusammenschlüsse und Gruppen, die in bestimmten Bereichen etwas gegen bestimmte Probleme machen wollen. Aufgrund der allgemeinen Un­zufriedenheit entstehen auch immer wieder Gruppen, die etwas gegen die herrschenden Zu­stände insgesamt unternehmen wollen. Über theoretische und praktische Auseinandersetzun­gen kommen viele von ihnen früher oder später mit dem revolutionären Kommunismus in Kon­takt.

Von den vielen Menschen aus der Arbeiter/innenklasse, die in Opposition zu einzelnen Erschei­nungen des kapitalistischen Systems kommen, beschäftigen sich nur wenige genauer mit den Lehren des wissenschaftlichen Kommunismus, einerseits weil die herrschende bürgerliche Ideo­logie den revolutionären Kommunismus völlig verteufelt und verhöhnt und andererseits weil die revolutionär kommunistische Bewegung international sehr schwach ist und auf viele aktuelle Fragen keine umfassenden und tiefgehenden Antworten geben kann. (vgl. Theorie im 1. Ab­schnitt)

Da in Österreich der kleinbürgerliche Revisionismus politisch und organisatorisch viel stärker ist als der revolutionäre Kommunismus, geraten die meisten im Entstehen begriffenen Bezugs­grup­pen mit politischem Anspruch bald einmal in den Sogbereich von Organisationen, die sich selbst als marxistisch, revolutionär, sozialistisch oder kommunistisch bezeichnen, in Wirklichkeit aber verschiedene Spielarten des Revisionismus und Reformismus darstellen. Die beiden Haupt­gruppen sind die KPÖ bzw. KPÖ-nahe Strömungen mit Bezug zum Austromarxismus oder Chru­schtschow-Breschnew-Revisionismus und trotzkistische Organisationen. Während die inhalt­lichen Unterschiede zwischen KPÖ-nahen und Trotzkisten immer mehr verschwinden, ist der oberflächlich auffälligste Unterschied die scheinbar ganz gegensätzliche Zuordnung zu histori­schen Strömungen der Arbeiter/innenbewegung vor 1960 (Komintern-Kominform oder 4. Inter­nationale)

Aufgrund der unentwickelten Situation können oppositionell gesinnte Menschen bei den Aktio­nen auf der Straße und bei Veranstaltungen schwerlich die grundlegenden Unterschiede zwi­schen Reformisten und revolutionären Kommunisten erkennen. Alle Gruppen sind klein und relativ einflussschwach und manche Reformisten präsentieren sich wortgewaltig bzw. kraft­meierisch als äußert radikale Kämpfer gegen das System, eine Behauptung die anhand ihrer Praxis nicht unmittelbar überprüft werden kann, weil politische Aussagen meistens auf der verbalen Ebene bleiben und keine Massenbewegung angeleitet werden muss bzw. kann.

Erfahrungsgemäß haben bestimmte Einzelpersonen schon verschiedene reformistische Organi­sationen näher kennen gelernt, bevor sie sich genauer mit den revolutionären Kommunisten befassen. Bei Jugendlichen führt der Weg der Radikalisierung oft über die breit bekannte und leicht erreichbare Sozialistische Jugend zur KJÖ (oder einem Komitee, das der KPÖ nahe steht) und erst in der praktischen Auseinandersetzung mit der Politik der Sozialdemokraten oder KPÖ-Reformisten und aus der Unzufriedenheit mit der kompromisslerischen, systemerhaltenden Politik kommt es zur Kontaktaufnahme mit revolutionären Kommunisten. Teilweise gibt der krasse Widerspruch zwischen den bei der SJ oder KJÖ geschulten Texten des Marxismus und der Politik der Organisation einen Anstoß für die Suche von radikalen Jugendlichen nach einer revolutionär kommunistischen Organisation.

Auch in der ziemlich unbelebten Klassenkampfsituation in Österreich können anhand von inter­nationalen Anlässen die Perspektiven einer radikalen Gesellschaftsveränderung ins Zentrum ge­rückt werden, z. B. bei aufstandsähnlichen Straßenschlachten in Paris oder Kampfdemos gegen imperialistische Konferenzen wie G8. Bürgerliche Parteien und Medien und kleinbürgerliche, reformistische Organisationen versuchen, solche Bewegungen schlecht zu machen und die Jugendlichen zu desorientieren. Aber durch eine direkte Konfrontation mit dem staatlichen Unterdrückungsapparat „erleben“ die kämpfenden Jugendlichen die Unversöhnlichkeit der Klassenwidersprüche. Sie erleben sowohl die Mächtigkeit des Gegners als auch seine Schwä­chen unmittelbar.

Auch in Österreich gibt es für politisch engagierte Jugendliche – besonders in Wien – eine Reihe von Gelegenheiten, anhand der Praxis und der revolutionär kommunistischen AgitProp zu lernen.

Das allein genügt nicht für den Aufbau eines Revolutionär Kommunistischen Jugendverbandes. Es ist aber ein wichtiger Ansatz dafür, die Notwendigkeit eines langfristigen und systematischen Engagements für eine gesellschaftliche Veränderung zu erkennen.

Aus der Geschichte der revolutionär kommunistischen Arbeiter/innenbewegung ist bekannt, dass die Frage der Gewinnung der „nächsten Generation“ entscheidend ist für die Entwicklung der Bewegung und ihrer Organisationen. Soweit wir wissen, sind weltweit wie in Österreich die führenden Kader der revolutionär kommunistischen Parteien und Organisationen derzeit stark überaltert. Aber mit 50- oder 60-Jährigen ist noch nirgends eine erfolgreiche Revolution ge­macht worden. Die Konzentrierung der Organisation auf die Förderung und Entwicklung des Revolutionär Kommunistischen Jugend-Verbandes ist daher eine entscheidende Aufgabe der Gesamtorganisation. #

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