GPKR-Thesen

 

Bedeutung der Großen Proletarischen Kulturrevolution (GPKR)

1. Die GPKR ist das bedeutendste Ereignis der Internationalen Kommunistischen Bewegung (IKB) in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts und ist der Versuch einer Antwort auf die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion, dem ersten sozialistischen Land der Welt.

2. China war das einzige Land im 20. Jahrhundert, wo nach 1917 eine Kommunistische Partei relativ eigenständig – und zum Teil in Gegensatz zur Linie der KPdSU und Komintern – eine erfolgreiche Revolution durchgeführt hat.

3. Die KP China unter Führung Maos korrigierte in Theorie und Praxis seit den 1930er Jahren einige Fehler der KPdSU und Komintern in Bezug auf die Partei, das Verhältnis zwischen Partei und Massen, zwischen Basis und Überbau, zwischen Stadt und Land und andere.

a) Im Gegensatz zur schematischen Vorstellung von einer monolithischen Partei, in der die Mehrheit immer recht hat und Abweichungen von der festgelegten politischen Linie einem Verbrechen gleich kommen, ging die KP China von einem immer wieder notwendigen Kampf zweier Linien in der Partei aus, wodurch sich erst die richtige politische Linie entwickeln und durchsetzen kann.

b) Im Gegensatz zu einem einseitigen Verständnis von Belehrung und Führung der Massen durch die Partei („die Kader entscheiden alles“), betonte die Massenlinie der KP China, dass auch die „Erzieher erzogen werden müssen“ (Marx), und die politische Linie in enger Verbindung mit den Massen entwickelt wird: Aus den vielfältigen Erfahrungen der Massen (im Klassenkampf, in der Produktion und in wissenschaftlichen Experimenten) schöpfen, die Erfahrungen der Massen (mit der dialektisch materialistischen Methode) konzentrieren und die neu gewonnenen Erkenntnisse wieder in die Massen hineintragen.

c) Im Gegensatz zu mechanischen Vorstellungen übe das Verhältnis von Basis und Überbau, wonach die Verstaatlichung, Vergenossenschaftlichung und Weiterentwicklung der Produktionsmittel auch die Entwicklung des gesellschaftlichen Überbaus einseitig bestimmen, betonte die KP China, dass zwischen Basis und Überbau ein dialektisches Verhältnis besteht: Die sozialistische Revolution ist nicht nur ein Ereignis, bei dem die Basis radikal verändert wird, sondern es sind auch nach der Machtergreifung und Enteignung der Kapitalistenklasse viele Revolutionen notwendig, in denen immer wieder der Überbau zum bestimmenden Element werden kann.

d) Im Gegensatz zur undialektischen Verabsolutierung der Arbeiter/innenklasse als Subjekt des revolutionären Prozesses ging die KP Chinas in der Revolutionstheorie für nichtimperialistische, halbfeudale und halbkoloniale Ländern von einem strategischen Bündnis von Arbeiter/innenklasse und Kleinbauernschaft aus. Sie betonte über die notwendige Führung der Arbeiter/innenklasse hinaus die revolutionäre Rolle der Kleinbauernschaft.

4. Mao entwickelte die revolutionär-kommunistische Theorie insbesondere in Bezug auf die Dialektik, den Volkskrieg und den fortgesetzten Klassenkampf im Sozialismus weiter.

5. Die sozialistischen Revolution als historisch tief greifende soziale Umwälzung umfasst nicht nur die Eroberung und Festigung der politischen Macht der Arbeiter/innenklasse und die ökonomische Umwälzung. Sie ist ein Prozess über mehrere Jahrzehnte und beinhaltet auch eine radikale, immer weiter gehende Kulturrevolution, die auf die Umwälzung der gesamten Kultur einer Gesellschaft abzielt, worin im weitesten Sinn alle Bereiche des Überbaus erfasst sind.

6. Besonders die Aufstände in Ungarn und Polen 1956 haben die KP China unter Mao veranlasst, die Entwicklung in der Sowjetunion seit 1917/18 genauer zu untersuchen und die Entwicklung eines neuen, eigenen Modells für den Aufbau des Sozialismus in China zu beschleunigen. In gewisser Hinsicht wurden klassische Positionen der Kommunistischen Bewegung vor 1917 wieder aufgegriffen, wie sie z.B. in Lenins „Staat und Revolution“ oder Marxens „Bürgerkrieg in Frankreich“ vertreten werden.

7. Schon 1957 wurden bestimmte Kritiken an der KPdSU und der SU veröffentlicht und schrittweise die Theorie entwickelt, dass durch Kräfte in der Führung der Kommunistischen Partei, die den kapitalistischen Weg gehen, eine Restauration des Kapitalismus herbeigeführt werden kann, wenn diese nicht durch die Mobilisierung der Arbeiter/innen und Volksmassen, gestoppt werden.

8. Die GPKR in China hat sich nicht darauf beschränkt, reaktionäre Strömungen in der Kunst zu bekämpfen, groß angelegte Alphabetisierungskampagnen durchzuführen oder Barfußärzte aufs Land zu schicken, sondern hat alle Bereiche des Überbaus, einschließlich der staatlichen Herrschaft und Verwaltung und der Wirtschaftsplanung erfasst und umgewälzt.

9. Die revolutionäre und massenhafte Mobilisierung der Jugend sollte einerseits verhindern, dass knapp 20 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs das politische System erstarrt und die zurückzerrenden Kräfte die Oberhand bekommen, andererseits erreicht werden, dass die nächste Generation ihre eigenen Erfahrungen im scharfen Klassenkampf macht. Das massenhafte, organisierte Auftreten der Jugend in allen Teilen des Landes brachte auch Modernisierungen in entferntesten und am wenigsten entwickelten Teile Chinas.

10. Die Lehren der GPKR sind nicht der Abschluss des wissenschaftlichen Kommunismus, sondern ein wichtiger Anstoß für die notwendige und wichtige Weiterentwicklung der Theorie in Verbindung mit der Praxis.

11. Die GPKR war ein wichtiger Anstoß für die Erneuerung des Kommunismus als Wissenschaft und organisierte Bewegung und hat entscheidend zur Formierung kommunistischer Parteien und Organisationen auf einer erneuerten Grundlage beigetragen.

Die wesentlich neuen Merkmale der GPKR sind:

12. Der bolschewistische Parteityp konnte als Partei des Aufstands in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmte Aufgaben der proletarischen Revolution erfolgreich erfüllen. Für die nach der Machtergreifung anstehenden Aufgaben der Kommunist/innen, den Übergang zum Kommunismus einzuleiten. waren die verkalkten und bürokratischen Organisationsformen in Partei (und Staat) hinderlich. Die Dialektik zwischen Partei und Staat konnte nicht korrekt aufgegriffen werden. Die KPdSU ging Mitte der 1930er Jahre bis an die äußerste Grenze administrativer Möglichkeiten einer revolutionären kommunistischen Partei (und teilweise darüber hinaus), konnte aber trotzdem die Herausbildung einer Bürokratenkaste und neuen Bourgeoisie nicht verhindern. Die nun anstehenden Aufgaben konnten nur von einer neu-organisierten Partei erfolgreich in Angriff genommen werden. Folgerichtig wurde in der GPKR die alte Parteiorganisation fast vollständig zerschlagen und der Versuch unternommen, die Kommunistische Partei neu aufzubauen. Dabei wurden zur Durchsetzung der revolutionären Linie im Gegensatz zur Sowjetunion nicht vor allem „Verbrecher“ und „Saboteure“ gejagt und verurteilt, sondern vor allem „Vertreter des kapitalistischen Wegs“ politisch entlarvt und entmachtet.

13. In der GPKR wurde die Arbeiter/innenklasse und insbesondere die Jugend mobilisiert, um  die Machthaber auf dem kapitalistischen Weg politisch zu stürzen und Bürokratie und Modernen Revisionismus in der Kommunistischen Partei und im sozialistischen Staats zurückzudrängen.

14. In der GPKR erreichte die massenhafte, revolutionäre Mobilisierung der Frauen gegen überkommene, patriarchale Zustände und Verhältnisse eine neue Qualität.

15. Ebenso wurde die Demokratisierung des Staatsapparats und der Wirtschaftsplanung sprunghaft vorangetrieben. So wurden revolutionäre „Dreierkomitees“ (aus Massenbasis, Partei und Militär) auf vielen Ebenen der Verwaltung aufgebaut, die die bürokratischen Verwaltungsstrukturen ersetzten, und die unmittelbare Organisierung, Eigenverantwortlichkeit und Selbsterziehung der Arbeiter/innenmassen in Diskussionen und Entscheidungen über Fragen der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Kultur gefördert.

16. Die wichtigsten Mittel und Werkzeuge der GPKR waren das Prinzip der breiten Debatte vor Entscheidungen, der Kampf zweier Linien, die Kritik und Selbstkritik. Die Arbeiter/innen und Jugendlichen hatten das verfassungsmäßige Recht, öffentliche Wandzeitungen aufzuhängen, die teilweise in den Zeitungen nachgedruckt wurden, um die Massendiskussionen zu fördern. (Dieses Recht auf Wandzeitungen wurde nach dem Sturz der Kulturrevolutionsgruppe sofort aus der Verfassung gestrichen.)

17. In der GPKR setzte sich ein neues Verständnis der gewerkschaftlichen Organisierung im Betrieb durch. Die Gewerkschaften wurden nicht mehr einfach als Transmissionsriemen der Kommunistischen Partei in die Masse der parteilosen Arbeiter/innen  verstanden, sondern erhielten demokratische Organisationsstrukturen und ein ausdrückliches Streikrecht. Weiters wurde insgesamt die Betriebsorganisation demokratisiert und die Wahl der Betriebsleitungen durch die Belegschaft eingeführt.

18. In der GPKR wurde an frühere gesellschaftliche Umgestaltungen auf dem Land angeknüpft und systematisch Volkskommunen als weitgehend selbstverwaltete politische und Produktionsbezirke geschaffen. Ziel war die bewusste Entwicklung des Zusammenschlusses der bäuerlichen Produktionsgemeinschaften von Genossenschaften niedrigeren Typs zu großen Kollektiven mit weitgehend egalitärer Entlohnung. Durch die Einbeziehung und Verbindung verschiedener Produktionszweige in einer Volkskommune wurde versucht, die Gegensätze zwischen Stadt und Land aufzuheben.

19. Auf dem Gebiet der materiellen Bedürfnisse der Volksmassen wurde in der GPKR die ständig weiter ausgedehnte, entgeltlose Versorgung der Grundbedürfnisse wie Wohnung, Nahrung, Kleidung usw. vorangetrieben.

Kennzeichnend waren auch bedeutende Schritte zur tendenziellen Verminderung des Unterschieds zwischen den niedrigsten und höchsten Löhnen und zur Abschaffung des Leistungslohns und materieller Prämien.

Die Weiterentwicklung des Wissenschaftlichen Kommunismus während und unmittelbar nach der GPKR beinhaltet insbesondere folgende Erkenntnisse:

20. Während der ganzen Übergangsperiode des Sozialismus bis zur weltweiten klassenlosen Gesellschaft (und nicht nur bis zur vollständigen Verstaatlichung der Produktionsmittel in einem Teil der Erde) existieren Klassen und Klassenkämpfe. Einerseits ist Existenz der Bourgeoisie als Klasse nicht mit ihrer ökonomischen Enteignung beendet, denn ihr Vorsprung in Ausbildung, Wissen und bestimmten Fertigkeiten, sowie ihre Netzwerke und Verbindungen untereinander bleiben bestehen. Andererseits reproduziert sich wegen der Fortexistenz bürgerlicher Austauschbeziehungen im Sozialismus (als Übergangsgesellschaft) eine Neue Bourgeoisie immer wieder von neuem, vor allem aus bürokratisierten Kadern und ihren Netzwerken in der KP selbst.

21. Der Sozialismus ist eine Übergangsgesellschaft und sozialistische Aufbau kann nicht nur stagnieren, sondern (auch ohne äußere Intervention) umgedreht werden. Er kann mit der Restauration des Kapitalismus durch eine Neue Bourgeoisie mitten aus der KP enden, wenn die Widersprüche in der sozialistischen Klassengesellschaft nicht richtig behandelt und gelöst werden. Revisionismus im sozialistischen Staat bedeutet „Abbau des Sozialismus“ und kapitalistische Restauration bei Aufrechterhaltung sozialistischer Formen und Fassaden.

22. Die Theorie vom „Primat der Produktivkräfte“ ist eine undialektische, vulgärmarxistische Theorie, wonach die Fortschritte im sozialistischen Aufbau unmittelbar an den Ausbau von Schwerindustrie und Transportwesen geknüpft sind. In ihrer pragmatischen Form ist die „Theorie der Produktivkräfte“ eine Theorie der bürokratischen Bourgeoisie in industriell zurück gebliebenen Ländern, die die Funktion einer nationalen Bourgeoisie übernimmt und daher ein Eigeninteresse am ununterbrochenen und ungestörten Wirtschaftsaufbau entwickelt.

Tatsächlich geht es im Sozialismus keineswegs nur um den Wirtschaftsaufbau, sondern um die tiefgehende Umgestaltung der gesamten Verhältnisse. Deswegen spielen in Phasen radikaler Umwälzungen der subjektive Faktor und Teile des Überbaus (in Form der revolutionären Mobilisierung der Volksmassen) die bestimmende Rolle im Verhältnis zwischen Basis und Überbau in der Aufbauphase.

23. In der Wirtschaft beinhalten die sozialistischen Beziehungen im Austausch zwischen den einzelnen Produktionseinheiten sowie zwischen ihnen und dem Staat weiterhin bürgerliches Recht (Ankauf, Verkauf usw.) und sind damit eine permanente Quelle für pro-kapitalistische Strömungen in der sozialistischen Übergangsgesellschaft.

24. Nach der Machteroberung treten in der KP notwendig verschiedene politische und ideologische Strömungen auf, die auch verschiedene gesellschaftliche Interessen (auch Klasseninteressen) widerspiegeln. Nur durch die Umsetzung der Massenlinie (aus den Massen schöpfen, die Erfahrungen konzentrieren und wieder in die Massen hineintragen) und den Kampf zweier Linien kann die politische Linie erfolgreich weiterentwickelt werden, die proletarische Linie sich durchsetzen und anstehende Probleme bewältigt werden. Aus diesem Gründen kann die KP kein monolithischer Block sein.

25. Bei der richtigen Behandlung der Widersprüche in der sozialistischen Klassengesellschaft muss streng unterschieden werden zwischen Widersprüchen zum reaktionären Klassenfeind und den Widersprüchen im Volk, die vorwiegend mit den Mitteln der breiten Debatte, Überzeugung, Kritik und Selbstkritik gelöst werden müssen.

(Februar 2009)

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