… die Gesetze seien künftig nicht beachtet, in Erwägung dass wir nicht mehr Knecht sein wollen!

Die Bourgeoisie befindet sich derzeit in der Offen­sive gegenüber der ArbeiterInnenklasse und den Volksmassen. Auch wenn sie, wenn auch freilich nicht in großen Sprüngen sondern schön langsam, aus der die letzten Jahre prägenden Weltwirt­schafts­krise herauskommt, versucht sie natürlich alles, die Lasten dieser Krise weiterhin auf die Ausgebeuteten abzuladen und das mit weiteren Vorstößen zu verknüpfen. In der Tat, die Ent­wicklung im Abbau der wirtschaftlichen und demokratischen Rechte der ArbeiterInnenklasse beschleunigt sich, die Ausplünderung der Volks­massen in den Neokolonien wird durch die Impe­rialisten an allerlei Fronten verschärft. Zwischen den imperialistischen Staaten, verschärft sich die Konkurrenz um Vormachtstellungen in den Regio­nen des Trikonts (Afrika, Asien und Lateinameri­ka) und anderer unter dem Stiefel des Imperialis­mus stehender Weltgegenden (wie z.B. Balkan/ Ost­europa). Diese Entwicklung lässt das Kapital zu immer kühneren, weitergehenden Aktionen und Mitteln greifen, bis hin zum letzten Weg die Wi­der­sprüche untereinander zu lösen: Krieg, impe­rialistischer Krieg. Sehen wir uns die Entwicklung der EU, Russlands, der USA und teilweise wohl auch Chinas an, so treten die massiven Widersprü­che unter ihnen, auch wenn sie immer wieder zeit­weilige Bündnisse und Abkommen untereinan­der schließen, recht klar zu Tage. Es ist somit alles an­dere als vermessen, die steigende Kriegsgefahr klar zu benennen.

 

Für die ArbeiterInnenklasse stellt sich dieser Situa­tion gegenüber die Frage: Was tun? Wie können wir der Ausbeutungsoffensive des Kapitals, der steigenden Kriegsgefahr, dem Imperialismus ent­gegentreten? Auf was sollten wir unsere Kämpfe ausrichten, und wie diese überhaupt anpacken? Lauter gute Fragen. Die ArbeiterInnenklasse hat dabei schon eine lange Geschichte der Kämpfe, Sie­ge und Niederlagen, und bei Fragestellungen solcher Art, empfiehlt es sich immer wieder, einen Schritt zurückzutreten und die Erfahrungen unserer Vorkämpfer/innen genau zu studieren. Nicht um zu einem Historikerclub zu werden oder aus Freu­de an der schönen Schrift, sondern schlicht des­halb, weil schon vieles im Kampf errungen wurde, was auch für unsere heutigen Klassenausein­ander­setzungen  wichtig ist zu verstehen und zu kennen – und so wie das Rad kein zweites Mal erfunden werden muss, wohl aber entwickelt werden kann (es z.B. stabiler machen), verhält es sich auch mit den Kämpfen des Proletariats; auch hier gilt, dass wir im Sinne einer Entwicklung, die nur möglich ist, wenn wir den Gegenstand der Entwicklung auch kennen, an bisher gemachte Erfahrungen an­knüpfen sollten.

 

Einer der ganz großen Punkte, ist dabei die Pariser Commune, erste Diktatur des Proletariats, vor 140 Jahren. Die Gute mag alt sein, sicherlich, doch steckt sie so sehr voller grundsätzlicher, wegwei­sen­der Lehren, dass es für das revolutionäre Pro­letariat ganz und gar zwingend notwendig ist, sich mit ihr auseinanderzusetzen und das positive Erbe der Commune in seine heutigen Kämpfe aufzuneh­men! Es geht dabei nicht nur darum, anhand eines praktischen Beispiels zu sehen, zu welchen großen Taten die kämpfende ArbeiterInnenklasse fähig ist, sondern auch darum die Lehren für die höchste po­li­tische Organisationsform des Proletariats im Klassenkampf zu ziehen: die Kommunistische Par­tei.

 

„Der sozialdemokratische Philister ist neuerdings wieder in heilsamen Schrecken geraten bei dem Wort: Diktatur des Proletariats. Nun gut meine Herren, wollt ihr wissen wie diese Diktatur aus­sieht? Seht euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats“ (Friedrich Engels)

 

Während des deutsch-französischen Krieges im 19. Jahrhundert (ab Juli 1870), schufen sich die Pariser ArbeiterInnen ihre eigenen bewaffneten Formatio­nen, Nationalgarde genannt. Die herrschende Klas­se, die Bourgeoisie, sah sich davon bedroht, doch aufgrund des Umstands, dass sie einerseits mit Deutschland im Krieg lag, und andererseits die Natio­nalgarde 300.000 Prole­tarier/innen unter Waffen umfasste, sah sie für sich nicht den nötigen Handlungsspielraum, um der Nationalgarde offen entgegenzutreten. Die Bourgeoisie war sich da­rü­ber klar, dass dieses ArbeiterInnenheer im eigenen Hinterland eine Gefahr darstellte, gleichzeitig aber auch darüber, dass eine offene Konfrontation zur Eskalation führen würde. Um in dieser Situation die Zügel in der Hand zu behalten und die Natio­nal­garde für größere Kampfeinsätze unfähig zu machen, beschloss sie, ihr durch Agenten zumin­dest die Geschütze zu stehlen. Die Agenten der Bour­geoisie wurden jedoch entdeckt, der Versuch schei­terte und für die ArbeiterInnen in der Natio­nal­garde war nun endgültig klar, dass sie sich von der „eigenen“ Bourgeoisie nichts zu erwarten brau­che.

 

Die Empörung war groß und heizte die ohnehin schon aufgeladene (und von mehreren vorgegan­genen Emeuten und Aufständen gekennzeichnete) Stimmung weiter an – die bewaffneten Arbeiter/in­nen wagten den Aufstand und fegten die Herr­schen­den am 18. März 1871, vor 140 Jahren, aus Paris hinaus. Während die Bourgeoisie aus Paris hinaus gejagt wurde, übernahmen schon die Arbei­ter/innen selbst die Macht; in einer histori­schen Pioniertat schufen sie als erstes eine Regie­rungs­form der unumschränkten Herrschaft der Arbei­terInnenklasse, die als „Diktatur des Proleta­riats“ bezeichnet wird.

 

Manch eineR mag bei dem Wort Diktatur in „heil­samen Schrecken“ geraten, doch sehen wir uns diese Diktatur des Proletariats an, so erkennen wir rasch, dass es sich um die Diktatur über die Ver­hält­nisse der kapitalistischen Ausbeutung der Mas­sen handelt – es sich aber viel mehr um eine Form der Organisation handelt, die dazu bestimmt ist, die Befreiung der ArbeiterInnenklasse und ihrer Bündnispartner voranzutreiben und den Weg zu einer klassen- und staatenlosen Gesellschaft zu ebenen. Die ersten, umgehend getroffenen Maß­nahmen der Commune, waren in der bisherigen Geschichte beispiellos: Sie beschloss die jeder­zeitige Abwählbarkeit von politischen Repräsen­tanten, Beamten,… wenn diese über ihre Tätigkeit nicht immer Rechenschaft im Sinne des Proleta­riats ablegen können. Bürgerliche Gerichte wurden durch Volksgerichte ersetzt, in denen das Prole­ta­riat selbst Recht sprach. Der Lohn von Abgeord­ne­ten durfte den eines durchschnittlich qualifizierten Arbeiters nicht übersteigen, das stehende Heer der Bourgeoisie wurde aufgelöst und durch allgemeine Volksbewaffnung ersetzt – ein Schritt der deutlich zeigt, dass die Commune die Herrschaft der Ar­bei­terInnenklasse selbst war und sich deshalb nicht davor zu fürchten brauchte, dass das Volk von Paris nun bewaffnet war. Diese und viele andere Maßnahmen brachten der Pariser Commune viel Ansehen im internationalen Proletariat und eine feste Verankerung in Paris selbst. Dennoch dauerte sie nur 72 Tage (!) an. Die Maßnahmen der Com­mune mögen zwar, bedenkt man die kurze Zeit die sie hatte, in diesem Kontext noch viel beeindru­cken­der wirken, doch um tat­sächlich Lehren zie­hen zu können, müssen wir auch danach fragen, warum sie nur so kurz Be­stand hatte?!

 

„Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muss gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Ge­walt, sobald sie die Massen ergreift (…)“

(Karl Marx)

 

Erstens hatte die Commune keine geeinte proleta­risch-revolutionäre Führung. In der Nationalver­samm­lung (dem Ersatz des Parlaments) saßen ne­ben konsequenten Revolutionär/innen auch viele Vertreter verschiedener kleinbürgerlicher Strö­mun­gen und Gruppen. Sie sabotierten teilweise offen die Beschlüsse der Com­mu­ne und gaben Manifeste heraus, in denen sie die revolutionäre Linie angriffen. So ermöglichten diese Strömungen innerhalb der Commune es den offenen bürgerlichen Kräften außerhalb von Paris, die Schwächen der Com­mune in ihrem Sinne auszunutzen und Macht der Ar­bei­terInnen niederzuschlagen. Das Fehlen einer wirk­lichen Kom­mu­nistischen Partei und der falsch geführte Linien­kampf innerhalb der Commune sind bittere Lehren, die jede revolutionäre Organisation heute genau studieren muss, denn sie berühren durch­wegs den Lebensnerv der proletarischen Macht.

 

Zweitens hatten kleinbürgerliche Vorstellungen in der Commune so weitgehenden Einfluss, dass das die notwendige Allseitigkeit der Diktatur über die Bourgeoisie untergrub und verhinderte. Die Ver­tre­ter der kleinbürgerlichen Linie begriffen nicht, dass es nicht damit getan sein konnte, die alten Herrscher einfach fortzujagen und Paris zu neh­men, sondern dass der bewaffnete Aufstand des Proletariats ausgeweitet werden muss, die Vertre­ter der alten Ordnung niedergehalten werden müs­sen und das Proletariat im Bündnis mit den Volks­massen deshalb zu diktatorischen Mitteln gegen das Kapital greifen muss, um in seiner eigenen Befreiung voranzuschreiten und damit die Demo­kra­tie für die Massen zu verwirk­lichen. Deshalb konnten sich die früheren Herrscher, Bourgeoisie und Adel, in Versailles verschanzen, neu konstitu­ieren und mit Deutsch­land die Kriegshandlungen einstellen um gemein­sam auf die Pariser Com­mu­ne loszuschlagen.

 

Die Lehre von der Notwendigkeit der allseitigen Dik­tatur über die Bourgeoisie, wurde durch die Commune mit den Strömen von Blut, die bei ihrer Niederschlagung flossen (über 100.000 Kämpfe­r/innen wurden bei der Einnahme von Paris durch die deutsch/französischen Truppen niederge­me­tzelt) teuer erkauft. Die Commune bewies, dass sich das Proletariat, will es die Macht erringen, seine eigenen bewaffneten Einheiten schaffen muss.

 

Ein dritter, wesentlicher Punkt, ist die Frage der Bündnisse, die die Revolutionäre eingehen. Ver­stand es die Commune ausgezeichnet, auch die nicht-proletarischen Schichten in Paris für sich zu gewinnen, so versagte sie in der Gewinnung der Bauernschaft außerhalb von Paris – ein Fehler, der den deutsch/französischen Truppen den Vor­marsch auf Paris erleichterte und wesentlich dazu beitrug, dass die Commune auf Paris beschränkt blieb. Auch wenn die Frage des Bündnisses mit der Bau­ernschaft heute in Österreich für die Revolutio­när/innen weniger Relevanz besitzt als 1871 in Frankreich, so ist es doch die nicht zu unter­schä­tzende Frage der Bündnisse, die über Erfolg oder Misserfolg einer Revolution entscheiden kann. Ebenso kann darüber hinaus gesagt werden, dass wir heute in den imperialistischen Ländern keine Revolution zustande bringen werden, wenn wir es nicht verstehen, mit den Volkskämpfen in den aus­gebeuteten, neokolonial abhängigen Ländern ein festes Bündnis einzugehen und unsere Kämpfe aufs Engste miteinander zu verbinden.

 

Gehen wir über eine Bewunderung der Commune für ihre großartigen Pioniertaten hinaus und neh­men die notwendige Analyse ihrer Schwächen und Fehler vor, so erkennen wir erst in vollem Um­fang, was für ein leuchtendes Vorbild sie selbst 140 Jahre nach ihrem Bestehen ist. Die Lehren der Pariser Commune sind unentbehrliche Werkzeuge in der Frage, wie die kapitalistische Ausbeuterord­nung heute zu Fall gebracht werden kann. Die Pa­riser Commune ist der erste rote Stern in einer Rei­he, die durch die sozialistische Oktoberrevolution in Russland und die Große Proletarische Kultur­revo­lution in China weitergeführt wurde. Auf die­sen drei praktischen Ereignissen und den dazuge­hörigen Theorien ruht heute das Verständnis eines proletarischen, revolu­tio­nären Kommunismus – ohne die Lehren dieser drei Ereignisse, ohne sie voll und ganz in die eige­ne politische Linie aufzu­nehmen, werden wir nicht dazu in der Lage sein, den Kapitalismus zu zer­schlagen, die Diktatur des Proletariats zu er­rich­ten und den Weg zu einer klassen- und staaten­losen Gesellschaft, dem Kom­munismus, zu beschreiten.

 

„Das Paris der Arbeiter, mit seiner Kommune, wird ewig gefeiert werden als der ruhmvolle Vor­bote einer neuen Gesellschaft. Seine Märtyrer sind eingeschreint in dem großen Herzen der Ar­bei­terklasse. Seine Vertilger hat die Geschichte schon jetzt an den Schandpfahl genagelt, von dem sie zu erlösen alle Gebete ihrer Pfaffen ohn­mächtig sind“

(Karl Marx, Bürgerkrieg in Frankreich)

 

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