Rechtsopportunistische „neue Synthese“

Zur RCP,USA und zu Avakians „neuer Synthese“ – IA*RKP zum Leserbrief an die PR vom Mai 2011

In der Proletarischen Revolution 47 (Seite 2) wird auf einen 8-seitigen „Leserbrief“  hingewiesen, der die Stellungnahme des ZK der K(M)P Afghanistans zur neuen Ausrichtung der RCP,USA scharf kritisiert. Gleichzeitig wird der Proletarischen Revolution (und der IA*RKP) vorgeworfen, sich hinter Erklärungen anderer Parteien zu verstecken, statt selbst klar Position zu beziehen. Allerdings sind der Leserbrief-Schreiberin sowohl die Positionen der IA*RKP dazu bekannt, als auch die Gründe, warum sie es bisher nicht für sinnvoll erachtet, damit in die Öffentlichkeit zu gehen.

Die IA* RKP hatte nie ein organisatorisches Naheverhältnis zur RIM oder RCP,USA, was mit der Entstehungsgeschichte unserer Organisation zu tun hat. Deswegen wissen wir auch zu wenig über die internen Diskussionen und Entwicklungen der RIM. Wir haben uns seit Anfang der 1990er Jahre intensiv und positiv mit der Deklaration der RIM 1984 und verschiedenen weiteren Dokumenten der RIM und ihrer Mitgliedsparteien, vor allem der RCP,USA auseinandergesetzt. Aber wir haben es als Hauptaufgabe angesehen, aus unserem Zirkel eine Parteiaufbauorganisation in Österreich zu schaffen, bevor wir uns direkt bzw. öffentlich an internationalen Debatten und Konferenzen beteiligen. Wir halten es allerdings für einen schweren Fehler, wenn sich internationale Zusammenschlüsse wie die ICMLPO oder die ICOR nicht offen mit der RIM und ihren programmatischen Dokumenten auseinandersetzen.

Mit der Veröffentlichung der Grundsatzerklärung und des Manifests der RCP,USA („Constitution“ und „Manifesto“) im Jahr  2008 hat die RCP, USA – wie sie auch selbst erklärt – eine neue politische Ausrichtung vorgenommen. So lautet auch der Titel des Manifests: „Der Kommunismus: Der Beginn einer neuen Etappe“. Parallel dazu erschien eine ganze Reihe von Texten, die Bob Avakians „neue Synthese“ glorifizieren. Die IA*RKP  hat sich damit vor allem im Jahr 2009 intensiver auseinandergesetzt, eine Meinung gebildet und auf Treffen und in nicht-öffentlichen Texten dazu Stellung genommen. Im November 2009 erschien in der Proletarischen Revolution 38 eine Stellungnahme unter dem Titel „Gemeinsames und Differenzen zur RCP,USA“, wo der Schwerpunkt auf die Gemeinsamkeiten gegenüber Neorevisionisten und Reformisten gelegt wurde. Mit solchen Strömungen haben wir es nämlich hier in Österreich im Klassenkampf vor allem zu tun – und nicht mit den Theorien Bob Avakians und der RCP,USA.

Inzwischen haben sich die Differenzen innerhalb der (ehemaligen) RIM so zugespitzt, dass alle interessierten Internet-Leser/innen von der Spaltung in verschiedene Strömungen wissen, und wir haben unsere Position dazu auch im Februar 2010 kurz in der Proletarischen Revolution (Sondernummer 29a) genannt: „Die früher führende RIM-Partei, die RCP,USA, wendet sich mit der ‚neuen Synthese‘ von Bob Avakian einem utopischen Kommunismus zu und bekommt von einem kleinen Teil der RIM kritiklose Unterstützung.“ (S.21)

Ein Jahr darauf hat die PR in der Nummer 44 (März 2011) eine „Kritik der K(M)P Afghanistans an der ‚Neuen Synthese‘ von Bob Avakian (RCP,USA)“ in eigener Übersetzung abgedruckt, weil dort mehrere wichtige Kritikpunkte einzeln aufgeführt werden, die den bisher formulierten Kritiken der IA*RKP ähneln. Sie können den PR-Leser/innen, die sich mit der RCP,USA beschäftigen, Anhaltspunkte für die weitere Diskussion geben.

Mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, dass die IA*RKP  noch keine eigene umfassende Erklärung dazu ausgearbeitet und verabschiedet hat, lassen sich unsere Hauptkritikpunkte an den gegenwärtigen politischen Positionen der RCP,USA und insbesondere der „neuen Synthese“ ihres Parteivorsitzenden Bob Avakian folgendermaßen zusammenfassen:

1. Es wird der Beginn einer „neuen Etappe“ behauptet, die mit der Ausarbeitung der „neuen Synthese“ von Bob Avakian zusammenhängt. Das ist ein idealistischer und subjektivistischer Ansatz, der nicht von den objektiven Entwicklungen (in der wirtschaftlichen Basis und dem politischen Überbau) ausgeht. Parallel dazu wird im „Manifest“ der RCP,USA der „historische Durchbruch“ der ersten Etappe mit dem Erscheinungsdatum des „Kommunistischen Manifests“ 1848 angesetzt. Weiters wird eine „erste Etappe der kommunistischen Revolution“ von 1871 bis 1976 der jetzigen, angeblich „neuen Etappe“ gegenübergestellt. Ohne tiefere Begründung geht die RCP,USA von der durch ihren Vorsitzenden Bob Avakian eingeleiteten „neuen Etappe“ aus und spricht im Umkehrschluss vom Scheitern des „Revolutionsmodells des 20. Jahrhunderts“. Darauf baut dann erst die behauptete Notwendigkeit einer „neuen Synthese“ auf. (Eine ähnliche Kritik formuliert die K(M)P Afghanistan in ihrem Punkt 2)

2. Eine „Synthese“ ist ein Begriff aus der Dialektik, wonach jede Entwicklung aus These, Antithese und Synthese besteht. Bei Avakian ist die These offensichtlich das gescheiterte „Revolutionsmodells des 20. Jahrhunderts“. Die Antithese wird nicht behandelt (besteht aber vermutlich in der dunklen Phase von 1976 bis zum Jahr 2008, dem Jahr der Veröffentlichung der „neuen Synthese“ von Avakian). Während bei der (willkürlichen und nicht nachvollziehbaren) Festlegung der ersten „Etappe“ noch politische Ereignisse von großer internationaler Tragweite herangezogen werden, beginnt die „neue Etappe“ mit der Fertigstellung eines wissenschaftlichen Werks (von außerdem zweifelhafter internationaler Bedeutung). Kein ernsthafter historischer Materialist würde die jüngere Weltgeschichte in die Zeit vor und nach dem Erscheinungsjahr des „Kapitals“ von Marx oder „Staat und Revolution“ von Lenin einteilen – außer es handelt sich um eine rein ideengeschichtliche Monografie. Genau so geht aber Avakian an die Geschichte der Arbeiter/innenbewegung heran, das ist sein wissenschaftlicher Ansatz, von dem sich auch die meisten anderen Ergebnisse seiner „Weiterentwicklungen“ ableiten.

3. Im Zentrum der „neuen Synthese“ steht die behauptete Notwendigkeit eines „neuen Revolutionsmodells“, wobei der Begriff „Modell“ dazu verwendet wird, um zu verschleiern, dass eigentlich (die Notwendigkeit für) eine neue Theorie der proletarischen Revolution und des Sozialismus propagiert werden soll. Weder werden die positiven und negativen Erfahrungen der RIM ausgewertet, noch werden die grundlegenden Lehren des Wissenschaftlichen Kommunismus als Basis berücksichtigt. (Vgl. K(M)PA-Kritik Punkt 1 und 3)

4. Dort, wo Avakian auf die bisherigen Erfahrungen der Diktatur des Proletariats direkt eingeht, konzentriert er sich auf folgende angebliche Fehler: Das Proletariat war zu diktatorisch gegenüber den Bündnisschichten und hat vor allem den Intellektuellen zu wenige Freiräume gelassen. Demgegenüber fordert er mehr Elastizität gegenüber den Interessen der nicht-proletarischen Schichten („fester Kern mit viel Elastizität“). Das wird von Avakian theoretisch auch mit seinen angeblichen „Weiterentwicklungen“ der Erkenntnistheorie (Epistemologie) begründet. Avakian wendet sich – scheinbar ganz hochphilosophisch – gegen den Begriff der „Klassenwahrheit“ und stellt ihm die „objektive Wahrheit“ gegenüber, die er mit einer „absoluten Wahrheit“ vermischt. Während solche Fragen ausführlich und verständlich z.B. in Engels‘ „Anti-Dühring“ und Lenins „Empiriokritizismus“ behandelt werden, geht es Avakian in Wirklichkeit garnicht um Philosophie, sondern um die Wissenschaft – und darum, wie weit das Proletariat im Sozialismus den Wissenschaftler/innen und Intellektuellen freie Hand lassen oder klare Rahmen für Wissenschaft und Forschung setzen soll. Ganz unverhüllt wendet sich Avakian dagegen, dass sowohl die Sowjetunion als auch China in deren sozialistischer Phase ihre beschränkten Mittel nicht großzügiger für die freie Entfaltung der Wissenschaften zur Verfügung stellten. Der Sozialismus ist also nach Avakian (auch oder vor allem) daran gescheitert, dass die Intellektuellen – die sich in der Parteibürokratie ausbreiteten –  zu wenig Freiraum gehabt hätten.

Darüber hinaus werden von Avakian ziemlich undialektisch Diktatur und Demokratie gegeneinander gestellt, so als ob nicht gerade die Diktatur über die ehemaligen und neu aufkommenden Ausbeuter erst die Demokratie für die Massen sicherstellen würde. (Vgl. K(M)PA-Kritik Punkt 4)

 

5. Die RCP,USA wendet sich in ihren Dokumenten zunehmend von der Arbeiter/innenklasse ab und der Menschheit, der Mehrheit der Menschen oder den Volksmassen zu. Gleichzeitig ersetzt sie zunehmend den Klassenkampf durch den Kampf für die Befreiung der gesamten Menschheit. So heißt es etwa im „Manifest: „Die RCP, USA besteht aus Menschen, die zusammengekommen sind, um der Erfüllung des größten Bedürfnis der Menschheit zur Verwirklichung zu verhelfen.“ (S.59) Von der RCP,USA wird in diesem Zusammenhang ausdrücklich betont, dass es in ihrer Revolution nicht in erster Linie um die Befreiung der Arbeiter/innenklasse von Ausbeutung und Unterdrückung geht, sondern um die Befreiung „der Menschheit“. Ein solches Herangehen steht in offenem Widerspruch zu den Lehren von Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao und aller Revolutionären Kommunist/innen. (Vgl. K(M)PA-Kritik Punkt 1 und 3)

Die RCP,USA hat tatsächlich eine „neue Etappe“ begonnen, auf der wir sie nicht begleiten wollen.

IA*RKP, September 2011 

 

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Die vier wichtigsten Punkte der KMPAfghanistan-Kritik (PR44,S.53f.) sind:
1. MLM findet keine Erwähnung;
2. zwei Etappen, beginnend mit: a) Komm. Manifest, b) Avakians Neuer Synthese;
3. Erfahrungen der RIM nur negativ dargestellt;
4. Humanismus und mangelnde Betonung der Diktatur des Proletariats statt revolutionärer Klassenkampf (auch im Sozialismus) bis zum Kommunismus.

>> Leserbrief siehe prolrevol.wordpress.com (18.Mai 2011)

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