Silvester-Skandal: Sexismus und Rassismus

 

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Zu Silvester wurden in Deutschland Tausende Frauen se­xu­ell belästigt, hunderte misshandelt und nicht we­ni­ge verge­wal­tigt. Solche unerträglichen, frau­en­feind­li­chen Vor­fälle häu­fen sich immer dann, wenn Fei­er­stim­mung, Al­kohol und Mas­sen­aufläufe zusammen­kom­men. So eine Si­tua­tion wird von Macho-Männern aus­ge­­nützt, um mög­lichst unerkannt Jagd auf Frauen zu ma­chen. Ganz im Ge­gen­satz zur offiziell ver­kün­de­ten Gleich­stellung der Frau­en, ist es in Europa (na­tür­lich auch in Österreich!) so, dass Frau­en in Wirk­lich­keit nach wie vor auf vielen Ebenen un­ter­drückt und be­nach­­tei­ligt sind. Die Lohnunterschiede und so­ge­nann­ten „Frau­­en­lohn­grup­pen“ sind nur ein offen­sicht­li­cher sta­tis­­tischer Be­weis dafür, ein anderer sind die Sta­tis­ti­ken über sexuelle Ge­walt an Frauen. Min­des­tens jede zwei­te Frau in Österreich wird zumindest ein­mal im Le­ben ein Opfer sexueller Gewalt, min­des­tens 30% wer­den nach of­fi­zi­ellen Daten sexuell miss­braucht, ein gro­ßer Teil da­von schon als Mäd­chen, sehr oft von Ver­wandten oder Be­kann­ten.

Trotz einiger rechtlicher Verbesserungen (z.B. bei Verge­wal­ti­gung in der Ehe, teilweise Beweisumkehr,…) schä­tzen es vie­le Frau­en immer noch als sinnlos ein, sexuelle Über­griffe bei der Polizei überhaupt anzuzei­gen – abgesehen von den oft demü­tigenden Behandlungen bei der Anzeigenaufnahme („Jetzt zei­gen‘s mir amal ge­nau, was er angeblich gemacht hab­en soll…“)

Die Männerherrschaft (Patriarchat) ist in Europa seit mehr als 3000 Jahren ge­fes­tigt und wird von der herrschenden Klas­se (trotz anderer Beteuerungen) auch heute bewusst auf­recht­er­hal­ten und zementiert, u.a. als ein Spal­tungs­mit­tel ge­gen die Arbei­ter/innenklasse (neben Religion, Rassis­mus usw.).

 

Wenn die Herrschenden und ihre Massenmedien über Frau­en­unter­drückung und Gewalt gegen Frauen reden, dann verfolgen sie immer üble Zwecke. Unübersehbar ist das beim Dau­er­thema „Sexmob in Köln“. Hier wird stän­dig eine Ver­bin­dung zu der Million Kriegs­flücht­lingen von 2015 her­ge­stellt, obwohl sogar nach den zweifelhaften Po­li­zeiangaben von den bisher er­wischten nicht-deutschen Be­teiligten ca. 95% nicht aus Syrien, Afghanistan, Irak, sondern aus Marok­ko, Tunesien, Türkei usw. stam­men.

Na­türlich passt es gut in die Pläne der Herrschenden, wenn von Tausenden sexuellen Angriffen in der Silvesternacht fast nur diejenigen überhaupt angezeigt werden, wo die Tä­ter „wie Ausländer ausschauten“. Wenn du in Wien zu Sil­ves­ter auf die Polizei gehst und anzeigen willst, dass dir wer am Ste­fansplatz auf die Brust oder zwischen die Beine ge­grif­fen hat, werden sie dir sagen, dass sie jetzt wich­ti­ge­res zu tun ha­ben. Das ist patriarchale Scheiße, aber all­ge­mein bekannt, dass Frauen als „Freiwild“ behandelt wer­den und sich selber da­ge­gen organisieren und schützen müs­sen.

Die Kölner Vorfälle haben jedoch einige Besonderheiten, die erst nach und nach bekannt wurden: So schaute die Po­li­zei (wie bei Angriffen auf Asylheime) tatenlos zu, ob­wohl sie von Beginn an über die sich aufschaukelnden Vor­fälle in­for­miert war. Die Polizei ließ die Übeltäter ge­wäh­ren und trug da­mit zu ihrer Ermunterung bei. Nach ei­ni­gen Tagen gab sie bekannt, dass es sich bei den Übe­l­tä­tern vorwiegend um „Aus­länder“ handle, dann hieß es in den Medien, es seien auch Asylwerber aus im Kölner Raum eingerichteten Un­ter­brin­gungen beteiligt gewesen. Jetzt war man endlich dort, wo man hin wollte. Für die meis­ten Medien und die „besorgte Öf­fentlichkeit“ (kei­nes­wegs nur die ultrareaktionären und fa­schis­tischen „be­sorg­ten Bür­ger“) aber waren spätestens am 9.Jän­ner die Übel­tä­ter zwei­fels­frei „Asylanten“.

So wurden die Kölner Angriffe zu einem „nationalen Er­eig­nis“ aufgebauscht, das der Reaktion und dem Ras­sis­mus und Chau­vinismus hervorragend ins Konzept passt. Wäre das nicht so, würde schon nicht mehr darüber ge­redet und hät­ten auch nicht einige hundert Frauen An­zei­ge erstattet (per 9.Jän­ner waren es 379, davon 40%, deren An­zei­ge sich auch auf sexuelle Belästigung bezieht), son­dern wie z.B. beim Münch­ner Oktoberfest üblich nur ei­ni­ge wenige.

Auch der Zeitpunkt passt genau im Hinblick auf die lau­fen­de „Flücht­lingsdebatte“ und den mit ihrer Hilfe ins Au­ge ge­fass­ten weiteren Rechtsruck der Politik und der Staats­gewalt. Da­für waren diese Vorfälle ein gefundenes Fres­sen. Sie die­nen als Öl ins Feuer der Xenophobie und des Rassismus. Und auch im Ausland werden sie genuss­voll aus­ge­schlach­tet. Z.B. kann die österreichische Presse gar nicht genug da­rü­ber berichten!

Wenn es zu solchen „merkwürdigen“ Berichterstattungen über Vorfälle in Köln kommt, muss in erster Linie nach den In­ter­es­sen gefragt werden, denen sie eventuell dienen. Es muss konkrete Interessen gegeben haben, die vor Ort be­find­li­che Polizei nicht einschreiten zu lassen, in den da­rauf­fol­gen­den Tagen ein ausgesprochenes Verwirrspiel ab­zu­ziehen, al­les zu tun, damit möglichst viele betroffene Frau­en An­zei­ge erstatten usw.

Ob in der Silvesternacht auf Seiten der Übeltäterbanden wie auf der der Polizei „alles nach Plan“ ablief oder nicht, wis­sen wir nicht und es ist auch nebensächlich. Tatsache ist, dass alles, die „Vorfälle“ und ihre Ausschlachtung in Po­li­tik und Me­dien, den Interessen der Staatsmacht und der Reaktion dien­te und dient, um damit eine Verschärfung ih­res rassis­ti­schen und chauvinistischen Kurses zu be­grün­den. Die Bun­des­regierung hat endlich einen Anlass für den schon lange im Raum stehenden Kurswechsel von der an­geb­lichen „Will­kommenskultur“ zur Absperrungs-, Ab­schie­bungs- und Hetz­kultur und die offen rassistischen, chau­vinistischen und fa­schistischen Kräfte in Köln und im gan­zen Land bekamen neu­en Auftrieb. Es gab Interessen und Gründe genug für Staats­macht und die Polizei, die Aus­schreitungen wohl­wol­lend zu beobachteten. Selbst wenn sie sich zurückhielt, an­geb­lich „um in dieser sen­sib­len Frage nicht den Falschen in die Hände zu arbeiten“, lag das objektiv eher im Interesse eben der Rassisten und Fa­schis­ten, auch denen in den Reihen der Polizei und des sons­tigen Staatsapparats. Vielleicht war der Staatsapparat so­gar mit Provokateuren an den Vorfällen di­rekt oder in­di­rekt beteiligt. Vielleicht waren auch Pro­vo­ka­teu­re faschis­ti­scher oder halbfaschistischer Kreise im Spiel. In­ter­essen in diese Richtung gab es dort wie da alle­mal. Es wä­re ein Wun­der, wäre es nicht so gewesen. Gäbe es Vor­fälle die­ser Art nicht, würde die Reaktion sie erfinden oder selbst ins­ze­nieren. Mag sein, dass es auch Kräfte gab, die im ge­ge­be­nen Zeitpunkt nicht die Ausländer- und Flüchtlings­hetze noch zusätzlich füttern wollten und sich deshalb zu­rück­hiel­ten mit sofortigen wilden Angriffen auf die „Asy­lan­ten“. Dass es allerdings in den Reihen der Polizei viele sol­cher Kräfte geben soll (wie es ihnen von „besorgten Bür­gern“ verschie­de­ner Schattierung vorgeworfen wird und was als Grund für ihr Nichteinschreiten behauptet wird), ist hoch­gradig un­wahr­scheinlich.

Po­li­tisch müssen wir dem Versuch der Bourgeoisie entge­gen­getreten, diese Vorfälle zum Vorwand für verschärfte Aus­länder- und Asylgesetze zu nehmen. Wir müssen die men­schenunwürdigen Zustände in den Anhalte-, Über­gangs- und Aufenthaltslagern und die rassistische und men­schen­feindliche Asylpolitik anprangern und bekäm­pfen. Es müss­te also auf der ganzen Linie genau das Ge­gen­teil dessen ge­sche­hen, was die Reaktionäre samt den of­fe­nen Rassisten und Faschisten jetzt wieder mit neuem Schwung fordern und die Regierung plant.

Die demokratischen, antirassistischen, antifaschistischen Ini­ti­ativen, die es ja in Deutschland fast überall gibt, müs­sen be­son­deres Augenmerk darauf richten, die jetzt be­vor­ste­hen­den noch massiveren An- und Übergriffe gegen Aus­län­de­r/innen, Immigrant/innen, Flüchtlinge usw. und auch alle ul­tra­re­ak­ti­o­nären und faschistischen Aufmärsche und Kund­ge­bungen zu bekämpfen und möglichst zu ver­hin­dern.

Köln spielt dabei insofern eine besondere Rolle, als dort der „öf­fentliche Raum“ seit Jahren zwischen den Fa­schis­ten der „Pro-NRW“ und der HoGeSa („Hooligans gegen Sa­la­fis­ten“) und Antifaschisten umkämpft ist und in den letz­ten Jahren vie­le faschistische Massenauftritte durch­kreuzt werden konn­ten. Köln stand in den letzten Jahren und steht bisher immer noch für ein Übergewicht der anti­faschis­tischen Kräf­te – die „Vor­fälle“ der Silvesternacht sind ein willkommener An­knü­pfungs­punkt für die Reak­tio­nä­re und Faschisten, die das seit lan­gem in Frage stellen und umdrehen wollen.

In Deutschland und Österreich verüben Männer jedes Jahr ei­ne sehr hohe Zahl „sexueller Gewalttaten“, auch immer wie­der Massenvergewaltigungen. Die christlich-abendlän­di­sche „häus­liche Gewalt“, auch die sexuelle, der mas­sen­haf­te Miss­brauch von Kindern in ihren christlich-abend­län­di­schen Fa­mi­lien, die Gewalt gegen und der sexuelle Miss­brauch von Min­derjährigen in kirchlichen und öffentlichen „Er­zie­hungs­einrichtungen“ – das alles wird systematisch so lan­ge und so weit wie möglich totgeschwiegen und ver­harm­lost. (Wenn z.B. Anfang Jänner 2016 wieder einmal ein solcher „Skan­dal“, Quälerei und Missbrauch von ein paar hundert „Re­gens­burger Domspatzen“ ganz kurz ins Licht der Öffent­lich­keit trat, war das eher Zufall. Die vor ein paar Jahren aufge­deck­te jahrzehntelange sexuelle Ge­walt im Klos­ter­gym­na­si­um Kremsmünster/OÖ ist schon fast wieder vergessen. Eben­­so kommt es zu ganz ähn­li­chen Vor­fälle wie in der Sil­ves­­ter­nacht in Köln jedes Jahr bei Mas­sen­be­säuf­nis­sen wie dem Münch­ner Oktoberfest und Zelt­festen in Österreich. Of­fen­­sicht­lich sind das christlich-abend­ländische Män­ner- und Frau­­en­bild für so etwas völ­lig ausreichend und bedarf es da­zu keines „Kulturschocks“. Aber selbst­ver­ständ­lich werden die Kölner Vorfälle gerade von denen aufgebauscht, die über die einheimische „Kul­tur“ von sexueller und sexu­ali­sierter Ge­­walt und von Miss­brauch den Mantel des Schweigens brei­ten.

Wenn Innenministerin Mikl-Leitner verkündet, dass „wir Frau­en uns sicher keinen Millimeter in unserer Bewe­gungs­frei­heit einschränken lassen“, müssen wir ihr ent­schie­den ent­gegnen, dass sie nicht zu den Kämpferinnen für Freiheit und Frauenrechte gehört, sondern zu den Un­ter­drückern und zu denen, die ein System aufrecht erhalten, in dem Unter­drü­ckung, Missbrauch und sexuelle wie an­de­re Gewalt gegen Frau­en staatlich abgesichert werden. Die­ses System heißt Ka­pi­talismus und nützt das Patriarchat zur Aufrechterhaltung der Ausbeuterordnung. Nur durch den engen Zusammen­schluss von Arbeiterinnen und Ar­bei­tern kann dieses Un­rechts­system in einer proletarischen Re­volution besiegt und können die Diktatur der Bourgeoisie, die Lohn­sklaverei und das Patri­ar­chat beseitigt werden.

Erst Zustechen, dann Schreien

Was machst du, um dich vor sexuellen Über­grif­fen zu schützen?

Also ich hab immer eine sogenannte „Auftrenn­hilfe“ in der Ta­sche. Das ist so was wie eine 10 cm lange Häkelnadel, aber mit Spit­ze und scharf, und gibt’s in jedem Nähbedarf um 2 €. Wenn ein Typ ungut kommt, stech ich ihm diese Na­del in den Ober­schenkel und schrei dann laut: „Ich kenn dich nicht, lass mich in ruh!“

Wenn du zuerst schreist, stellt er sich auf Wider­stand ein; wenn du zuerst zustichst überraschst du ihn. Wenn du schreist: „Sex­tä­ter!“ oder „Ich kenn dich nicht!“ machst du Um­stehenden deut­lich, dass es kein Bezie­hungs­wickel ist – das isoliert ihn stär­ker als Beschimpfungen.

Und was is, wenn mehrere Typen auf dich los­gehen?

Dann stichts du auf den Typen, der dir am nächs­ten steht, weil du kannst nicht lang herumfum­meln, sonst sind sie ü­ber dir. Du musst sie rasch aus der vermeintlich überle­ge­nen Po­si­tion brin­gen und dann wegrennen oder umstehende Hel­­fe­r/in­nen ge­win­nen…

(aus einem Interview in „Autodifesa femminile“, eigene Über­setzung aus dem Italienischen)

 

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